KörperPolitik

Letztlich vier Männer, zwei klare Selbstmörder, ein wohlwollender Sterberegistervermerk, lautend auf Tod durch Unfall, ein Leben, das von Wahnsinn und Tod zeitlebens gefangen war, und sich in erotischen Ekstasen und Verschlingungen wie eine Larve in ihrem Kokon wand, dem sie niemals entschlüpfen sollte. Magische Kombinatoriken und Maschinen, deren Programme Texte sind. Fixiertheit auf Helden, Kinder und Männer und ihre Maschinenträume.

Denkt man sich das Diverse und Strittige (polemos) paradoxerweise als Verbindliches, so gilt es neue und andere Fassungen der Politiken und der Körper experimentell herzustellen. Dafür ist eine Virtualität und Virtuosität verlangt, die zum einen den Willen zur Gestalt und Form austrägt und ihn zum anderen radikal entstellen muß. Als Zeugen oder Begleiter sind daher solche zu wählen, die um die wenigstens zweideutigen Funktionen, nämlich als Bruch/Lücke und Kuppler/Verbindungsrealisator, von Scharnier und Schnitt, von Zwiefalt und Zwischenfalte, wußten. Die sich selbst auf Elemente einließen, die einen außerordentlichen symbolischen Status, als Realisator eines Körperwerdens, einnehmen. Gemacht wird so eine Erfahrung, welche das Multiple und Heterogene als Eines der Immanenz zu fassen gestattet (disjunkte Synthese). Solche, die sich an formlose Elemente wandten, die in den jeweils realen, symbolischen und imaginären Strukturen ohne Funktion sind. Deren Affektivität unterstreicht das Paradox des Zugleich und Ineinanderüber von Sein und Werden und kann sich nicht auf Entsprechung, Wiederholung und Beziehung, auch nicht auf Nachahmung oder Identifikation, reduzieren lassen, sondern ist Diversifizierung der materialen Gefüge des Werdens.
Das, was daran spannend und stimmig ist, ist ein tonos (Band, Ton), der keine gestalteten politischen Körper schafft (jeder Körper ist politisch informiert), sondern Körper destabilisiert, indem er sie einem Werden aussetzt, dem diese sich wiederum, schließlich sind sie ja informiert, widersetzen. Eros und Eris In-Beziehung-Tretens sind so eben leiblich-grammatische Umsetzungen und Diversifikationen (vom Händeschütteln bis zum Ich, Du, Er, Sie, Es …) und nicht Versiegen in den gestischen, habituellen oder deklinierenden Repertoires.
Durch solche Geste werden Wissen und seine Bestände insultiert, wie auch die Schemata einer sprachlich linearen und explikativen Auslegung, Konstatierung oder Vermessung verunmöglicht. Fokussiert werden dagegen die Ins-Werk-Setzungen der Ensembles und ihre gleichzeitige Entwerkung (desœuvrierung). Exzessiv ist dabei die Präsenz des Dings (da) selbst. (Das muß sich gar nicht lautstark oder spektakulär anzeigen.) Zugleich es im Gegenstand (dem mental, verschrifteten oder sonstigen) insistiert, wird es durch die Kontaminierung mit seinem Supplementsein verrückt. Das sogenannte dritte Element dieser Ineinssetzung und Gegeneinanderüberhaltung, welche nicht einfachhin Koinzidenz ist, ist nicht länger isolierbar (weder als Zwischen, noch als Fuge), sondern in das Dingwerden eingelassen (und zwar im Sinne der krasis)!
Wir suchen also nach (An)Trieben, mit ihrem jeweiligen Träger/Agenten (suppôt), gar Saboteur (nämlich Diversanten), der zugleich für eine Formierung und (voreilige) Rahmung verantwortlich ist, wie er diese auch en kontaminiert und zum Exzeß treibt. Aufzeichnungsfolien sind dafür Texturen, die nicht besser in der Lage sind, Formen ein- und aufgeprägt zu bekommen, sondern die trachten, höhere Intensitäten einzufangen, gar zu bündeln. Dabei ist eine Logik des Affekts, die nicht zuletzt der diversen Materie folgt, auch Begeisterung, die Stammeln, Disparatheit und Zerfall für das Sprechen nicht nur praktiziert, sondern sogar einfordern muß. Strategien der Selbstruinierung (Dietmar Kamper) müssen Pakte zuweilen auch mit den pathogenen oder perversen Valeurs schließen, was dazu führt, daß man eben nicht weiß, was man tut oder ist, wenn man dabei ist zu denken, also zu werden, was man gewesen sein wird.
Dabei muß Körperdenken aus den von Wissen und Bildlichkeit regulierten Registrierungen und Exklusionen abweichen und sich dem aussetzen, was diese Bilder und Register über-lebt, das heißt nicht restlos in deren Mortifizierungen aufgeht. Zeitlichkeit traversiert die Einkadrierungen und ist somit vorrangige Logik eines Körperwerdens. Körper werden immer in anderen Körpern, deren Fleisch die Schemata überdauert (und nicht nur aufbricht).
Vielleicht läßt bei all dem nicht nur das Reich des Messias die Welt so, wie sie ist – bloß um eine Winzigkeit verschoben (Scholem/Bloch/Benjamin). Ist das (endliche) Paradies nicht zu unterscheiden von jetziger Welt, bloß um eine Nuance anders, so mag diese Nuance in den Scharnieren und Schnitten, die sich zuweilen auch verkörpern versprechen. Gezeigt werden soll aber, daß uns nichts dazu zwingt Potentialität und Aktualität auf eine Entscheidung (krisis) des Äußersten hin zu stimmen, sondern sich alles innerhalb einer immanenten und kontingenten Mischung (krasis) fügt. Ist Kruzifizierung die Eliminierung des Materiellen zugunsten des Zeichens/Bildes, so heißt eben abgehen davon, neue Fassungen einer Körper-Politik zu erfinden. Eine solche verlangt nach einer Strategie des radikalen Denkens von Materialität und Zeit, muß sich diesem überlassen. Also auch die eigenen Stratageme auf sich einschlagen lassen, auch noch seine eigenen Bemühungen behindern, die äußerste Anstrengung wagen, um die geringste Wirkung zu erzielen. Was bleibt, ist (be)deutungslose Performanz (Bejahung), die scheiternd Zeugnis ablegt von der Spannung zwischen dem, was überlebt haben wird, und dem, was hier und jetzt jeweils gesagt, gehört, getan werden kann. Eine Tortur einer Spannung, zu deren Austrag man schließlich doch gezwungen und verpflichtet ist und aus der heraus erst befreundetes Teilen von Zeiten und Räumen möglich werden kann.

Die sich interpretierenden gegenläufigen Intensitätsfluktuationen der von mir konturierten Sprachen und Körpern erzeugen also keine Gestalt oder Schlußfigur, sondern versuchen Aufzeichnungsflächen her- und darzustellen. Dies geschieht immer über andere Körper und andere Sprachen. So verschreibe sich die Revisionen aber keiner Bildlichkeit und bilden sich auch nicht ein, mehr als Scheitern vorstellig zu machen. Wird also anhand der Intimtechniken des Umganges mit den fremdesten Fremdkörpern, nämlich den Wortenkörpern, nachgedacht, so gibt sich dies nicht exemplarisch, aber symptomatisch. Und so wie es nicht in der freien Macht des Geistes liegen kann, sich eines Dings zu erinnern oder es zu vergessen, so mag die Auswahl derer, die da Schreiben und Bilder machen, und hier nun umschrieben und entstellt werden, Spekulationen und Rückschlüsse auf das Erinnern und Vergessen des Autors anheben lassen. Wer sich aber aufmachen möchte, darüber nachzudenken was ein Körper vermöchte, wenn er nicht vom Geiste bestimmt würde, wer also nicht mit offenen Augen träumen möchte, sondern nächtlich wachen, der wird in den Fragmentierungen vielleicht Winke finden. Zugleich aber können sich solcherlei Revisionen und die Unternehmungen, wie die des Nachstehenden, immer nur als Scheitern vorstellen, aber nur vor dem Wort des großen Philosophen, welches die dritte Erkenntnisart gewesen sein wird. Dorthin aber führen nur sehr schwierige Wege, und nur wenige lernen sie frohen Mutes zu gehen. Jede Verirrung und jede Irrnis kann aber Zeugnis ablegen und vielleicht ist mehr eine unmenschliche Aufgabe.
Zu bedenken bleibt das Ungeheure und Ungemeine einer Kindheit für die Philosophie, besser vielleicht noch ein Kind-werden des Philosophen, das die Philosophie zur Sprache bringt.

Fragment aus dem letzten Jahrhundert für eine Einleitung zu einem ungeschriebenen Buch, welches sich Rudolf Schwarzkogler, Malcolm Lowry, Yukio Mishima und Hans Bellmer widmen wollte.

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