second-hand experience / stormscene

… teuflisch kalt gegen den Wind zu reisen. Schöner Tag – freundliche Menschen.
Herman Melville, Tagebuch einer Reise von New York nach London 1849

Letzte Windmaschine vor der Schlacht!
Blixa Bargeld, Headcleaner

Geht es nach der Beaufort-Skala (begründet durch den späteren Knight Commander of the Bath Francis Beaufort der British Navy), dann sind die 120 km/h wie sie die Windmaschine Andreas Templins in dessen Installation „Sturmszene“ zum Einsatz bringt gewiss ein Sturm, gar ein Hurrikan. Zugleich stellt diese Windmaschine aber auch die Basis einer Simulation dar, mehr noch eines Simulakrums 2. Ordnung. Wieso das? Weil die Szene in die sich der Rezipient versetzt findet einem Filmset gleicht, in dem er/sie als Akteur oder Akteurin selbst zur Erfahrungsoberfläche wird. Ist jedwede Wahrnehmung notwendig Distanznahme (sonst ließe sich außer Rauschen und Brausen gar nichts erfahren und man ist deshalb eigentlich immer irgendwie im Auge des Orkans), so wird dies hier erhebend anschaulich gemacht, da ein vorgeblich reiner Naturalismus durch Verschränkung von Artifiziellem, Technisch-Akustischem und Maschinischem entlarvt wird. Dennoch bleibt diese Erfahrung jetzt nicht nur auf‘s Optische und Akustische (wie im Kino selbst) beschränkt, sondern erfährt einer Erweiterung dadurch, dass eine bestimmte örtliche Gegebenheit zum anderen Schauplatz des Drängens des Unmittelbaren verwandelt wird. Nichts weniger denn eine mise-en-scène und ein rite of passage im selben Zug. Ironie und Humor finden hier also ihre Anwendung als künstlerische Waffe und erstatten somit dem Sturm auch seine kriegerische Wortbedeutung zurück.

Doch nicht zu vergessen bleibt: Wir haben es hier auch mit einer wundersamen Äolsharfe zu tun! Denn schließlich: Wie der Wind heftiger hervorstößt,/ ein holder Schrei der Harfe/ Wiederholt mit zu süßem Erschrecken,/Meiner Seele plötzliche Regung;/ Und hier, die volle Rose streut geschüttelt/ All ihre Blätter vor meine Füße! (Eduard Mörike)

Andreas Templin Bild Blaue Nacht Kopie

Andreas L. Hofbauer for Andreas Templins installative work for the public space comissioned by the City Council of Nuremberg, Germany – stormscene (2005). This installation took place in a medieval pedestrian’s tunnel leading to the historical center of Nuremberg. A strong wind-machine of Munich filmstudios was placed in the beginning of the tunnel. The light was changed and a big soundsystem installed. With David Canisius of Deutsches Kammerorchester/ Yellow Lounge a selection of highly dramatic classical music was edited for this evening and replayed constantly. The visitors could pass through the tunnel and found themselves in the middle of a filmset-like “stormscene”. After passing through the tunnel they got handed a text written by Dr. Andreas L. Hofbauer, titled “second-hand experience”.

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but … Billy Budd

Von welchem Schlag ist also Billy Budd, aus welcher Art und welchem Geschlecht ist er geschlagen, zu welchem geschlagenen Geschlecht mag er gehören? Sind es gerade die vorgeblich Unschuldigen, die sich schuldig machen oder verzeiht man ihnen ihr Vergessen nicht? Ist Schuld überhaupt nur Oberflächenphänomen, welches, gleich der weißen Wand des Wals, aus den Tiefen auftaucht und wir wollen (im Sog Ahabs) es durchbrechen? Spricht man aber überhaupt von unschuldig schuldig gewordenen, wenn man im Namen Billy Budds spricht – und was hieße das überhaupt? Wir, von der Rasse Kains, sind immerhin gezwungen, in ein Land aufzubrechen das Nod heisst, ins Land der Ruhelosigkeit und Flüchtigkeit (wie das hebräische nad bedeutet). Wegzugehen aus dem Angesicht des Vater-Gottes, ausgezeichnet zu überleben. Der Konflikt eines Nebeneinanders (der Brüder und des Geschlechts) hat sich so in die Zeit gespannt und ist Konflikt entlang der Zeitachse geworden. Nicht allein ob man des Bruders Hüter sein soll, des Hirten Hirt, steht in Frage, sondern ob man für die Kommenden zeugen kann. Dies ist vielleicht weniger eine Frage der Filiation und deren Politik, vielleicht weniger Frage der Einsetzung, sondern der Freisetzung, der Garantie einer rückhaltlosen Entbindung, die es vermag eine Kohärenz von Körpern zu wahren, ohne dabei das Unendliche fahren lassen zu müssen. Eine Vertäuung der über-lebenden Immanenz. Das heißt jedoch, das elende Bedürfnis nach Schaffung und Schöpfung aufzugeben, das wir sogar Gott andichten, vielleicht bloß, um uns selbst zu Göttersöhnen (und -töchtern) zu machen. Die Unfähigkeit sich eine andere Hand vorzustellen, als die, die bei Tisch (womöglich gar aus Liebe) Brotmännchen formt, die andere Hände schüttelt, um sich des eigenen Seins zu versichern, die, sichtbar oder unsichtbar, immer vermittelt und herstellt, der Welt Gestalt gibt. „Ich nehme mit einem geringern Vater vorlieb; wenigstens werd ich ihm nicht nachsagen können, dass er mich unter seinem Stande in Schweineställen oder auf den Galeeren habe erziehen lassen“, sagt in Georg Büchners Dantons Tod die Figur des als Spinozisten und Atheisten charakterisierten Thomas Payne. (1) Die Erschöpfung und das Aufhören, das Enden, verschreibt sich einer Insistenz, die sich weder auf ein Transzendentes stimmt, noch dabei aber den schmerzhaften Aufbruch verleugnet. So bewegt sie sich, zuweilen starr, ohne sich im geringsten zu rühren, weg. Solch aufbrechendes Gehen bricht auch immer zu einem verlorengegangenen Kind auf. Es entdeckt nicht (sich als) das verlorengegangene Kind (sei es der Sohn oder die Tochter), nicht einmal das Verlorengegangene – sondern es geht verloren. Abgegangen wird hier vom Wollen oder Willen des Wissen, wie auch vom Nichtwissen. (2) Inauguration einer Bahnung des Vergessens. If you are ready to leave father and mother, and brother and sister, and wife and child and friends, and never see them again, – . . . then you are ready for a walk, schreibt Thoreau. Man kann dies in eine Entgegnung verwandeln, deren Ton unentscheidbar zwischen Frage und Forderung oszilliert – are you ready for a walk . . .
Merkwürdig mutet in diesem Zusammenhang ein Brief an, den Herman Melville seiner Tochter Bessie vom Pazifischen Ozean aus am 2. September 1860 zukommen lässt. „Diese Vögel [hier] haben kein Zuhause, außer einigen wüsten Felsen mitten im Ozean. Sie sehen niemals einen Obstgarten, und kennen den Geschmack von Äpfeln & Kirschen nicht, wie dein fröhlicher kleiner Freund in Pittsfield, Herr Robin Rotkehlchen. – Ich könnte dir noch vielmehr Dinge über die See erzählen, aber ich muss den Rest verschieben, bis ich nach Hause komme. . . . Ich nehme an, du hast recht viele Spaziergänge auf den Hügel gemacht, und die Erdbeeren gepflückt. Ich hoffe, dass du gut auf Klein Fanny aufpasst, und daß du, wenn du auf den Hügel gehst, so gehst: [hier folgt eine kleine Zeichnung Melvilles, die einen Baum und etwas Gesträuch zeigt, sowie zwei beinahe winzige Gestalten, die sich an den Händen halten] das heißt Hand in Hand. Leb wohl, Papa“. (3) So, als ob es doch möglich sei, die Faust in die flache Hand zu entfalten, wie Johann Georg Hamann dies gefordert hat, und sich die Hände zu reichen. So, als ob es vielleicht dem Aufbruch des Vergessens nach nichts mehr verlangte, als eben nach dieser einfachen, singulären und einfältigen Handreichung, das Wagnis dieser unwahrscheinlichen Berührung, die weder führen noch hüten will.
In welchen Namen also wird man sprechen, wenn man im Namen von Billy Budd zu sprechen wähnt? In welchem Namen spricht man mit der Vorsicht und dem Bedacht, die Spinozas Motto waren und deren Wort er sich in seinen Siegelring eingravieren ließ – caute – und für welche Unabhängigkeit also? (4) Wenn man spricht im Namen von bud, der Knospe oder der jungen austreibenden und -schlagenden Triebe, im Namen der unterentwickelten Wesen; oder im Namen unser aller Brüder; Bruder, wie das umgangssprachliche Amerikanisch bedeutet – aber auch im Namen des Spross, der Töchterchen und Söhnchen? But, Aber . . .

(1) Georg Büchner, Dantons Tod, in: Ders., Werke und Briefe, München 1975, S. 39.
(2) Vgl. dazu Thomas Schestag, Schrittstellen, in: Oswald Egger (Hg.), Rhythmus. Wiener Vorlesungen zur Literatur 1996/97 (Der Prokurist 19/20), Wien/Lana 1998, S. 37.
(3) Zit. nach More Light, And The Gloom Of That Light. More Gloom, And The Light Of That Gloom , in: Die Republik (82-85/1988), S. 191 f.
(4) Vgl. Leo Strauss, Das Testament Spinozas, in: Ders., Gesammelte Schriften, Bd. 1, Stuttgart/Weimar 1996, S. 422.

Excerpt out of ” … thus snapping the chain -” (Ablösungsversuche, Wien 2001) by Andreas L. Hofbauer

Ensembles und Module

Ekstasen kann man am besten mit einem Ensemble begreifbar machen. Denken Sie zum Beispiel an Phantasien. Niemals kann eine Beschreibung allein ersetzen, was ein Ensemble entstehen lässt und zugleich dem Untergang preisgibt: Übersicht, Details und Proportionen in bloß einem Akt.

So dienen Ensembles nicht allein der Veranschaulichung, sondern vielmehr der Analyse, dem Verfall und dem Genuss. Varianten erstellen, vergleichen und genießen; Ursache und Wirkung zelebrieren – Prinzipien, an denen die Ekstasen weiterentwickelt werden, reifen und wieder verloren gehen.

Die Ekstase sexueller Ensembles. Mit ihnen werden Strategien und Konzpte anschaulich und überzeugend umgesetzt: Spielwiesen für außermoralische Hedonisten; nichts für offiziöse Kulturpolitik und Integrationspropaganda samt deren Aufsichtsgremien.

Unsere Ensemblemodelle sind Instrumente. Nutzt sie!

In Form lustvoller Dienstleistung übernehmen wir Aufbau und Einsatz von Ensemblemodellen, unterstützen die Zusammenstellung der Informationen und Prämissen und tragen zur Planung, Bewertung und den damit verbundenen Diversifikationen bei.

Juliettes ist eine von uns erstellte Software mit der Ensemble-Modelle für unterschiedliche Projekte selbst entwickelt und eingesetzt werden können. Wir impfen die Hardware mit einer umfangreichen Download-Bibliothek. Wir verabreichen euch die Medizin, schenken euch die Module, die ihr selbst einsetzen und weiterentwickeln könnt.

KörperPolitik

Letztlich vier Männer, zwei klare Selbstmörder, ein wohlwollender Sterberegistervermerk, lautend auf Tod durch Unfall, ein Leben, das von Wahnsinn und Tod zeitlebens gefangen war, und sich in erotischen Ekstasen und Verschlingungen wie eine Larve in ihrem Kokon wand, dem sie niemals entschlüpfen sollte. Magische Kombinatoriken und Maschinen, deren Programme Texte sind. Fixiertheit auf Helden, Kinder und Männer und ihre Maschinenträume.

Denkt man sich das Diverse und Strittige (polemos) paradoxerweise als Verbindliches, so gilt es neue und andere Fassungen der Politiken und der Körper experimentell herzustellen. Dafür ist eine Virtualität und Virtuosität verlangt, die zum einen den Willen zur Gestalt und Form austrägt und ihn zum anderen radikal entstellen muß. Als Zeugen oder Begleiter sind daher solche zu wählen, die um die wenigstens zweideutigen Funktionen, nämlich als Bruch/Lücke und Kuppler/Verbindungsrealisator, von Scharnier und Schnitt, von Zwiefalt und Zwischenfalte, wußten. Die sich selbst auf Elemente einließen, die einen außerordentlichen symbolischen Status, als Realisator eines Körperwerdens, einnehmen. Gemacht wird so eine Erfahrung, welche das Multiple und Heterogene als Eines der Immanenz zu fassen gestattet (disjunkte Synthese). Solche, die sich an formlose Elemente wandten, die in den jeweils realen, symbolischen und imaginären Strukturen ohne Funktion sind. Deren Affektivität unterstreicht das Paradox des Zugleich und Ineinanderüber von Sein und Werden und kann sich nicht auf Entsprechung, Wiederholung und Beziehung, auch nicht auf Nachahmung oder Identifikation, reduzieren lassen, sondern ist Diversifizierung der materialen Gefüge des Werdens.
Das, was daran spannend und stimmig ist, ist ein tonos (Band, Ton), der keine gestalteten politischen Körper schafft (jeder Körper ist politisch informiert), sondern Körper destabilisiert, indem er sie einem Werden aussetzt, dem diese sich wiederum, schließlich sind sie ja informiert, widersetzen. Eros und Eris In-Beziehung-Tretens sind so eben leiblich-grammatische Umsetzungen und Diversifikationen (vom Händeschütteln bis zum Ich, Du, Er, Sie, Es …) und nicht Versiegen in den gestischen, habituellen oder deklinierenden Repertoires.
Durch solche Geste werden Wissen und seine Bestände insultiert, wie auch die Schemata einer sprachlich linearen und explikativen Auslegung, Konstatierung oder Vermessung verunmöglicht. Fokussiert werden dagegen die Ins-Werk-Setzungen der Ensembles und ihre gleichzeitige Entwerkung (desœuvrierung). Exzessiv ist dabei die Präsenz des Dings (da) selbst. (Das muß sich gar nicht lautstark oder spektakulär anzeigen.) Zugleich es im Gegenstand (dem mental, verschrifteten oder sonstigen) insistiert, wird es durch die Kontaminierung mit seinem Supplementsein verrückt. Das sogenannte dritte Element dieser Ineinssetzung und Gegeneinanderüberhaltung, welche nicht einfachhin Koinzidenz ist, ist nicht länger isolierbar (weder als Zwischen, noch als Fuge), sondern in das Dingwerden eingelassen (und zwar im Sinne der krasis)!
Wir suchen also nach (An)Trieben, mit ihrem jeweiligen Träger/Agenten (suppôt), gar Saboteur (nämlich Diversanten), der zugleich für eine Formierung und (voreilige) Rahmung verantwortlich ist, wie er diese auch en kontaminiert und zum Exzeß treibt. Aufzeichnungsfolien sind dafür Texturen, die nicht besser in der Lage sind, Formen ein- und aufgeprägt zu bekommen, sondern die trachten, höhere Intensitäten einzufangen, gar zu bündeln. Dabei ist eine Logik des Affekts, die nicht zuletzt der diversen Materie folgt, auch Begeisterung, die Stammeln, Disparatheit und Zerfall für das Sprechen nicht nur praktiziert, sondern sogar einfordern muß. Strategien der Selbstruinierung (Dietmar Kamper) müssen Pakte zuweilen auch mit den pathogenen oder perversen Valeurs schließen, was dazu führt, daß man eben nicht weiß, was man tut oder ist, wenn man dabei ist zu denken, also zu werden, was man gewesen sein wird.
Dabei muß Körperdenken aus den von Wissen und Bildlichkeit regulierten Registrierungen und Exklusionen abweichen und sich dem aussetzen, was diese Bilder und Register über-lebt, das heißt nicht restlos in deren Mortifizierungen aufgeht. Zeitlichkeit traversiert die Einkadrierungen und ist somit vorrangige Logik eines Körperwerdens. Körper werden immer in anderen Körpern, deren Fleisch die Schemata überdauert (und nicht nur aufbricht).
Vielleicht läßt bei all dem nicht nur das Reich des Messias die Welt so, wie sie ist – bloß um eine Winzigkeit verschoben (Scholem/Bloch/Benjamin). Ist das (endliche) Paradies nicht zu unterscheiden von jetziger Welt, bloß um eine Nuance anders, so mag diese Nuance in den Scharnieren und Schnitten, die sich zuweilen auch verkörpern versprechen. Gezeigt werden soll aber, daß uns nichts dazu zwingt Potentialität und Aktualität auf eine Entscheidung (krisis) des Äußersten hin zu stimmen, sondern sich alles innerhalb einer immanenten und kontingenten Mischung (krasis) fügt. Ist Kruzifizierung die Eliminierung des Materiellen zugunsten des Zeichens/Bildes, so heißt eben abgehen davon, neue Fassungen einer Körper-Politik zu erfinden. Eine solche verlangt nach einer Strategie des radikalen Denkens von Materialität und Zeit, muß sich diesem überlassen. Also auch die eigenen Stratageme auf sich einschlagen lassen, auch noch seine eigenen Bemühungen behindern, die äußerste Anstrengung wagen, um die geringste Wirkung zu erzielen. Was bleibt, ist (be)deutungslose Performanz (Bejahung), die scheiternd Zeugnis ablegt von der Spannung zwischen dem, was überlebt haben wird, und dem, was hier und jetzt jeweils gesagt, gehört, getan werden kann. Eine Tortur einer Spannung, zu deren Austrag man schließlich doch gezwungen und verpflichtet ist und aus der heraus erst befreundetes Teilen von Zeiten und Räumen möglich werden kann.

Die sich interpretierenden gegenläufigen Intensitätsfluktuationen der von mir konturierten Sprachen und Körpern erzeugen also keine Gestalt oder Schlußfigur, sondern versuchen Aufzeichnungsflächen her- und darzustellen. Dies geschieht immer über andere Körper und andere Sprachen. So verschreibe sich die Revisionen aber keiner Bildlichkeit und bilden sich auch nicht ein, mehr als Scheitern vorstellig zu machen. Wird also anhand der Intimtechniken des Umganges mit den fremdesten Fremdkörpern, nämlich den Wortenkörpern, nachgedacht, so gibt sich dies nicht exemplarisch, aber symptomatisch. Und so wie es nicht in der freien Macht des Geistes liegen kann, sich eines Dings zu erinnern oder es zu vergessen, so mag die Auswahl derer, die da Schreiben und Bilder machen, und hier nun umschrieben und entstellt werden, Spekulationen und Rückschlüsse auf das Erinnern und Vergessen des Autors anheben lassen. Wer sich aber aufmachen möchte, darüber nachzudenken was ein Körper vermöchte, wenn er nicht vom Geiste bestimmt würde, wer also nicht mit offenen Augen träumen möchte, sondern nächtlich wachen, der wird in den Fragmentierungen vielleicht Winke finden. Zugleich aber können sich solcherlei Revisionen und die Unternehmungen, wie die des Nachstehenden, immer nur als Scheitern vorstellen, aber nur vor dem Wort des großen Philosophen, welches die dritte Erkenntnisart gewesen sein wird. Dorthin aber führen nur sehr schwierige Wege, und nur wenige lernen sie frohen Mutes zu gehen. Jede Verirrung und jede Irrnis kann aber Zeugnis ablegen und vielleicht ist mehr eine unmenschliche Aufgabe.
Zu bedenken bleibt das Ungeheure und Ungemeine einer Kindheit für die Philosophie, besser vielleicht noch ein Kind-werden des Philosophen, das die Philosophie zur Sprache bringt.

Fragment aus dem letzten Jahrhundert für eine Einleitung zu einem ungeschriebenen Buch, welches sich Rudolf Schwarzkogler, Malcolm Lowry, Yukio Mishima und Hans Bellmer widmen wollte.

Hear that hum, baby?

… Detroit, Sufismus, Venedig, Motown, Sun Ra, Heroin, Othello, General Motors, Supremes, Ibn Arabi, Berlin, Thelonius Monk, Jakob Böhme, core-to-surface nightmare, Agrippa von Nettesheim, Kaschmir, Fariduddin Attars, New York, Pussy, Percussion, Jimi Hendrix, dreamscape, Kokain, al-Ghazali, Motor City …

In den frühen 50er Jahren wurde Sadiq Bey in Detroit, der so genannten Motor City, geboren. Eine starke Gewerkschaftsbewegung fördert die Arbeiterkultur und ein funktionelles arbeitsethisches Gefüge kaschiert die gesellschaftlichen und ethnischen Antagonismen. Gleichzeitig setzt der unaufhaltsame soziale Niedergang der Stadt ein. Die Fassade des industriellen Zentrums der USA bröckelt; die nächsten Jahrzehnte sind durch gewalttätige Unruhen geprägt. Begleitet wird diese Erosion aber ebenso durch den unaufhaltsamen Aufstieg der Motown-Musikkultur. Nach dem 12th-Street-Riot 1967 werden die Ghettos mit Heroin überschwemmt. 2000 Häuser brennen. Zahlreiche Tote. Während vor Beys Augen eine Gemeinschaft Schritt für Schritt auseinander bricht, Freund-Feind-Fronten verschwimmen und die Drogen zum Herzmuskel der Gesellschaft werden, dämmert zugleich auch eine neue Welt aus Poesie und Musik herauf.

Inspiriert von dieser Möglichkeit, mit Musik, Rhythmus und Sprache einen neuen Ton anzuschlagen, der einen Ausweg verspricht, beginnt Sadiq Bey sie auf experimentelle Kunstformen anzuwenden und auch in kommunales Handeln einfließen zu lassen. Diversifikation wird somit zum obersten Gebot seiner Kulturproduktion. Vor allem in der Poesie erlangt das musikalische Element zentrale Bedeutung. Gedichte sind immer auch Lyrics. Die Begegnung mit der Poetik des Sufismus ist der entscheidende Übergang. In ihm verschränken sich Lebenspraxis, lyrische Qualität und der Takt des Perkussionisten. Blood pump anatomy.

Die Morgen-Gedichte entstanden aus der täglichen Übung, morgens die Nachtreste in den Tag überzuführen. Eine solche selbst gewählte Disziplinierung entzieht den Dichter seiner bisherigen Lebensführung. Everything has to work together in this recovery. Poesie muss abgerungen werden. Gleichsam ein alchemisches Verfahren, welches das Alltägliche vor der instrumentellen Verengung bewahrt und ihm seine Blöße zurück gibt. Jeder Morgen ein neuer Anlauf. Jeder Morgen ein neuer Übergang. Jeder Morgen eine neue Verführung. This endless, patient poem.

Theo Ligthart and Andreas L. Hofbauer for Sadiq Beys “Albert Ayler bläst in sein Horn und verkündet das Ende” (Edition Raute)

sadiqundich

Sadiq Bey and Andreas L. Hofbauer try their best to look really dangerous … and fail somehow. (Photo: Bianca Regl)

shadow-ich

And the shadow answered, “I am SHADOW, and my dwelling is near to the Catacombs of Ptolemais, and hard by those dim plains of Helusion which border upon the foul Charonian canal.” And then did we, the seven, start from our seats in horror, and stand trembling, and shuddering, and aghast, for the tones in the voice of the shadow were not the tones of any one being, but of a multitude of beings, and, varying in their cadences from syllable to syllable fell duskly upon our ears in the well-remembered and familiar accents of many thousand departed friends.
(E. A. Poe, SHADOW)

Photo: Bianca Regl

Drache

Die schlange kriecht oder ringelt sich auf dem boden,
stehen ihr flügel zu gebot, so heißt sie drache.
(Jakob Grimm „Deutsche Mythologie“)


Eine Schlange, die noch keine andere gefressen hat, wird kein Drache. [Serpens, nisi ederit serpentem draco non generetur.]
(Hier zit. nach: Heimito von Doderer „Die Wiederkehr der Drachen“)



Sehr geehrter Herr Pfarrer,
Ich danke Ihnen bestens für die ungemein interessante Darstellung. Es ist eine Art von Ritter St. Georg, bei dem aber der untere Teil ein Drache ist. Eine durchaus ungewöhnliche Darstellung! Es ist, wie wenn darin das Bewußtsein ausgedrückt wäre, daß der Drache die untere Hälfte des Menschen ist, was in Tat und Wahrheit ja auch der Fall ist. Man kann daher dieses Bild gut als eine Darstellung des innern Konflikts auffassen oder auch als das Gegenteil, nämlich als einen Ausdruck der Tatsache, daß Drache und Held eigentlich zusammengehören und eines sind.
Diese Einsicht ließe sich aus der Mythologie schon einigermaßen belegen und hätte sehr weitreichende Folgen, wenn sie vergleichend religionshistorisch untersucht würde. Mit vorzüglicher Hochachtung und bestem Dank,
Ihr ergebener
(Carl Gustav Jung an Pfarrer Jakob Amstutz am 23.I.1948)




Lange schon war der Krieger allein geritten und längst hatte er die Zahl der Tage vergessen die verstrichen waren, seitdem er seinem Volk und der großen Armee den Rücken gekehrt hatte. Das hohe Bergmassiv lag weit zurück als er das Wäldchen erreichte, von dem er wusste, dass hinter ihm die große Steppe begann.

Ein letztes Mal hielt er inne um sich umzuwenden. Mit einem Ruck riss er sich los von dem Bild, dessen er gewahr wurde und trieb seine Pferde weiter vorwärts.

Das Wäldchen war nicht groß, doch immer wieder verlor er die Orientierung. Es schien ihm, als wäre er acht Pfaden gefolgt, die ihn aber immer aufs Neue zur selben Weggabelung zurückführten. An dieser Wegkreuzung hielt er nun erneut inne und sah sich um. Überlegte für eine Weile; sollte er wieder einen der schon berittenen Pfade wählen um zu versuchen den Irrtum seiner Abirrung herauszufinden? Doch er entschied sich anders und wählte den neunten Pfad. Vorwärts brach er durch das Unterholz und zwischen den Bäumen hindurch -, geradewegs, bahnend, vorwärts.

So erreichte er das Gestade eines gewaltigen Sees der ihm auf den ersten Blick noch größer schien denn die Steppe, in der sich dieser ausbreitete.

Aus der hohlen Hand trank er Wasser, kniend, neben seinen Tieren. Sein Blick fiel allein und starr auf das sich im Wasser spiegelnde Antlitz eines ihm Fremden.

All dies geschah in einem Zeitraum von dem wir nicht zu sagen vermögen, wie lange er währte.

Kurz nachdem er sich nahe des Feuers über dem er Tee bereitete hingekauert hatte wurde er am Horizont einer Gruppe Menschen gewahr, die auf ihn zustrebten. Befremdlich schien ihm dies, da sie nicht zu Pferde waren, wie hier jedermann. Befremdlicher noch, da es sich offenbar um eine Art Prozession wichtiger und bedeutender Leute handelte, was er aus den mitgeführten Standarten und der Art wie die Gruppe einher schritt schließen zu müssen glaubte. Still und beinahe reglos erwartete er ihre Ankunft.

Die Gruppe die hernach vor dem Krieger stand umfasste folgende Personen: 1. Der Fürst (als einziger unter einer Art Baldachin, der von vier Sklaven getragen wurde und ihn sogar vor der fahlen Sonne dieser Jahreszeit schützen sollte), 2. seine Gemahlin, die Fürstin 3. einige Kleine Gemahlinnen (der Krieger zählte sie nicht), 4. drei Söhne und eine Tochter, 5. einige Damen (auch sie zählte der Krieger nicht), 6. ein paar Vasallen, 7. die Weisen, 8. drei weitere Weißbärte, 9. einige Träger und 10. ein Grüppchen Soldaten.

Der Fürst schritt unter seinem Baldachin hervor und trat grüßend auf den Krieger zu, der sich erhoben hatte. Nahe trat er an ihn heran, der seinen Kopf nur kurz gesenkt hielt und dem Fürsten dann gerade ins Gesicht blickte. Nach einer Weile sagte der Fürst:

– Das Feuer in Deinen Augen und die Glut Deines Gesichts versichern uns, dass Du einer derjenigen bist, nach denen wir Ausschau halten. Ich bin der Fürst dieser Provinz und treuer Knecht des hochmächtigen Khan, dessen Reich ohne Grenzen ist und welches du sehr wohl kennst. Sein Name sei geheiligt und wer ihm den Respekt versagt soll sterben. Wende Deinen Blick nach Westen und Du wirst meines Ails ansichtig werden. Siehst Du meine prächtige weiße Jurte in der Sonne funkeln? Weit, weit reicht mein Land und meine Herden sind zahllos.

Doch großes Unheil hat sich über uns ausgebreitet. Höre von einem meiner weisen Berater, worin es besteht.

Ein hochbetagter Weißbart trat nun neben den Fürsten. Seine Worte lauteten:
– Krieger! Ein Mogur bedroht die Gegend. Ein schrecklicher Drache. Zuweilen erhebt er sich aus den Wassern dieses Sees, an dessen Ufern wir hier stehen. Er steigt hoch und gewaltig auf und spannt seine schwarzen ledrigen Flügel, damit sich die Sonne verdunkle. Aus seinem schnabelförmigen Rachen stößt er das Gekreisch des Vogels Pfau, nur tausendmal lauter. Seine Forderung ist klar. Er will das Fleisch unserer Herden und unserer Töchter, das Fleisch unserer Prinzensöhne schon kurz nach ihrer Geburt. Sein Hunger ist niemals gestillt. Mehr und mehr haben wir ihm vorzuwerfen. Der Khan sandte uns mutige Krieger, doch keiner konnte den Drachen besiegen. Zuweilen verführt dieser Drache seine Opfer gar, indem er sie in einen blinden Wahn reißt. Bewusstlos warf sich mancher schon in seine Klauen. Man erzählt gar von Schafen, die sich vor seiner hochaufgefahr’nen Gestalt auf den Rücken warfen und ihre Bäuche zur Zerreißung hinhielten.
Der Mogur ist in allen Elementen zu Hause. Er steigt hoch auf in die Lüfte. Er bricht durch den Sand der Steppe. Er ist klein wie ein Seidenwurm und im nächsten Augenblick groß wie der heilige Berg, der schon war bevor unsere ältesten Ahnen das Licht dieser Welt erblickten. Es ist eine Erscheinung, die in ihrer Pracht über alle Ufer tritt. Vereinend die gleißende Macht des Mittags mit dem Sturz des Lichts in dunkelste Nacht.
Regelmäßig erscheint er dort drüben am anderen Ufer des Sees neben den Höhlen. Dort zollen wir ihm auch den geforderten Tribut und ebendort erwarteten ihn die Krieger zum Kampfe.

Nachdem der Alte geendigt hatte, trat er wieder zurück in die Gruppe. Abermals blickte der Fürst den Krieger an und ergriff erneut das Wort:
– Gehe hin und töte den Mogur für uns! Nach erfolgter Tat werden wir Dich einladen und Dir die Gastfreundschaft erweisen, die einem Helden gleich Dir gebührt. Es soll dir an nichts mangeln. Es wird ein hunderttägiges Fest geben. Die schönsten Sklavinnen werden Dein sein. Aus dem Brunnen, der so fein gefertigt und beinahe so groß wie der des Khans ist wird Tag und Nacht Kara-Kumys und Wein fließen. Du wirst an meiner Seite sitzen und jeder soll dich höher achten als meine eigenen Söhne. Ich werde nicht länger dein Fürst sein, sondern ein neuer Vater. Geh hin und töte den Mogur und gegeben soll Dir sein, was du wohl schon immer begehrtest. Die Macht und die Glorie des Ruhm’s ewigen Friedens. Wenn du beendet hast den steten Wahnsinn der Opferungen. Sieh’ uns hier mit dir stehen an der Schwelle eines neuen Zeitalters, das nie enden mag.

So sprach der Fürst zum Krieger. Und die Weisen nickten und die Prinzessin lächelte, etwas geistlos möglicherweise, aber vielleicht auch nur verschämt.

Und auch der Krieger nickte.

– Lasst uns ein Rauchopfer tun!
Sie verbrannten Wacholder.

Nachdem der Fürst und sein Gefolge die Lagerstatt des Kriegers verlassen hatte, schlief dieser eine Nacht tiefen, traumlosen Schlafes. Am nächsten Morgen bestieg er sein Pferd und umrundete den See in Richtung der Höhle, die ihm der Weise gewiesen.

Fauliger muköser Gestank überall. Doch er stieg hinein tiefer ins Labyrinth der Höhle. Sah die Gebeine, die zerbroch’nen Bogen, die verrosteten Helmzieren all seiner Vorgänger. Die gebroch’nen Schwerter und Schutzwaffen. Er kroch – durch ihre Gebeine hindurch – tiefer und tiefer hinein. Und mit wildem und mutigem Schrei rief er den Drachen um ihn zu fordern. Seine Stimme echote zwischen den Knochen, die umher lagen wie die ausgespienen und erbrochenen Worte verzweifelter Dichter. Und er schlug an den Stein der Wände, er fluchte in den Staub des Bodens, er lief zurück zum Eingang der Höhle und heulte seine Forderung gen Himmel, um dann wieder in die Tiefen des Abgrunds zu tauchen.

Er wusste nicht, wie viel Zeit verstrich.

Wir wissen nicht, wie viel Zeit verstreicht.

Doch wenigst fühlte er wie er schwächer und schwächer wurde. Und sein Arm konnte das Schwert nicht mehr halten. Ab warf er den Helm und schlohweißes Haupthaar begleitete diesen Fall. Nun kroch er mehr, als er schritt. Er suchte den Eingang zu finden, nochmals. Er war weiterhin gewahr der Knochenberge ringsum.

Und wieder erreichend den Höhleneingang sank er nieder und richtete den Blick auf die Weite des Sees. Mit einem Schlag, das heißt viel zu spät, verstand er nun, dass es niemals einen Drachen gegeben hatte, sondern nur die Schickung seiner Vorväter und –mütter unter der Belagerung des Worts „Die Rache ist mein“. Er sank nieder im Schutt seiner Umgebung. Müdigkeit nahm ihn nun ein. Als ob der bodenlose Schlaf die Rettung wäre vor dem Entsetzen der Traumtage!

Bewahret einander vor Herzeleid,
denn kurz ist die Zeit die Ihr zusammen seid.

„Nach diesem Lächeln in seinem Gesicht zu urteilen, ist er glücklich gestorben.“
„Das ist kein Lächeln. Das ist ein Rictus. Eine Menge Leute, die nicht glücklich sterben, grinsen so.“

Möge dies Grinsen Anzeichen gewesen sein für die Einsicht, dass es niemals einen Drachen gegeben haben wird. Im Himmel ist alles Gewicht der Welt; auf Erden ist aller Schmerz der Welt.

Und sterbend wandelte sich das Antlitz des Kriegers zum ungekannten Gesicht. Was uns zu sehen bleibt, sind die Haufen blanker Knochen, in jenes unendlich matte Weiß getaucht, mit dem ein nie enden wollender Wind sie versehen hatte. Von der Zeltstadt her brüllt Zimbel, Flöte, Muschelhorn und das große Becken. Die Stimmen der jungen Mädchen dröhnen verächtlich in ihrem Gesang. Die Weisen kreischen ihre Gebete. Der Fürst reibt geduldig seine Hände. Die Prinzen bereiten sich vor. So wie sie es alle schon tausend Kalpas zuvor getan.

Die weiße Verzweiflung, nicht aus dieser Welt fallen zu können.

Andreas L. Hofbauer, Märchen

Hell is coming / World ends today

dr-panel

Andreas L. Hofbauer partakes in a situationist play for the inner city of Madrid by Andreas Templin in the framework of Madrid_Abierto 2008. This site serves as an online-publication for the play which happened live in Madrid 7th-15th of February. It features photographs of the participants, provides video-lectures, comments and background-informations on the project.

Nicht Haltung annehmen. Haltungen produzieren!

Hier wissen wir zu leben . . . und du würdest meinen Arsch zumindest sieben Male küssen, wenn ich dir sagte, wie über alle Maßen ich glücklich bin zu leben
und dies Leben hier zu führen.
(Francisco de Goya, Brief an Martìn Zapater vom 19. Februar 1785)

Haltungsschäden sind verbreitet und werden zur Zeit gerne als Zivilisationskrankheiten definiert. Ursachen werden in allzu verfettender Nahrungsaufnahme schon bei Heranwachsenden und Jugendlichen und Bewegungsmangel derselben gesucht und gefunden. Der Ruf nach Rolfing und chinesischer Chiropraktik wird zwar zuweilen laut, freilich kann ihm aber auf Grund der notorisch leeren Staatskassen nicht flächendeckend gehorcht werden. Offensichtlich sind nicht allein die Nervenkostüme fragil geworden, sondern auch die basalen Trageeinheiten durch schleichende Osteoporose angegriffen.

Dass hier aber vielleicht eine grundsätzliche Verwechslung von Ursache und Wirkung vorliegt mag im Folgenden – vielleicht etwas gewagt anmutend – herausgestellt werden. Selten nur wird Haltung als biopsychophysischer Komplex gesehen, der auch Mensch und Artefakt ebenso wie Tier und Naturhervorbringung durchformt. Halten wir uns bei den beiden erstgenannten auf, so muss man schnell feststellen, dass es, abgesehen von den aller Orten anzutreffenden Attitüden-Korsettagen, selten geworden ist, auf ein starkes Kreuz zu treffen, da selbiges den meisten offenbar schon früh gebrochen ward.

Nun haben wir es mit Niko Sturm zweifellos mit einem jungen Maler und Mann zu tun, der sich persönlich durch Vielerlei auszeichnet. Etwa: Kraft, mutige Lebensfreude und -lust, unbedingter Wille zur Umsetzung, keine Scheu vor Konterattacken, strikte Diesseitigkeit ohne Hang zur Camouflage der Verklärung, grimmiger Humor. Kurz gesagt: nötiges Rüstzeug für einen Maler. Da hier nun aber keine individuellen Haltungsnoten vergeben werden, muss an dieser Stelle der Blick auch auf etwas gewendet werden, was ich die Haltung der Bilder nennen möchte. Eine solche verzeichnet nicht zuletzt das Grimmsche Wörterbuch, wenn auf die kompositorische Verteilung von Licht und Schatten, Tiefe und Oberfläche usw. eines Bildes verwiesen wird. Was hier aber noch ganz im Rahmen einseitiger Rezeptionsästhetik verhängt ist, ist wenigst um eine weitere Facette zu erweitern. Die Produktion oder den Austausch im Produktionsprozeß. Stehen sich Produzent und Produziertes nicht gegenüber, sondern durchdringen einander, dann gibt es allerdings auch kein Quidproquo von Aus- und Eindruck. Malakt und Lebensform ergänzen einander nicht, sondern sind die beiden Seiten einer Medaille, die sich stetig neu prägen. Eine solche Prägung muss über einen speziellen virtus verfügen, der in keiner Weise im Sinne von Gehalt zu messen oder zu refundieren ist. Dies verlangt nach einer gewissen Rückhaltlosigkeit oder Verausgabung, die das Anhalten nur als (notwendige) Etappe kennt, ehe die nächste Produktion in Angriff genommen wird. Haltung läuft deshalb kurioser Weise darauf hinaus, nicht aus einer feststehenden Position ein Objekt zu betrachten oder zu taxieren, sondern sich von diesem auch selbst angreifen zu lassen. Der Bildkörper ist ein Produktions-Halt in diesem Vorgang, der immerhin dem Körperbild den Rücken stärkt. Man könnte derartiges Herangehen auch starke Seismografie nennen, die den auf beiden Seiten heraufdrängenden Narzißmus nicht allein Paroli bietet, sondern doppelseitiger A-Narzißmus ist.

Doch, wie schon Kippenberger/Oehlen früh bemerkten, hat man es nicht leicht und selten wird einem etwas leichter gemacht.

Sämtliche Ober
zu mir
alle Banken
voller
Gier
und dann
will mein Bruder
mir nicht aufmachen die Tür,
weil er sagt, ich soll den
Schlüssel benutzen.(1)

Was auch zeigt, dass es nicht immer leicht fällt, Haltung auch zu bewahren.

Die Haltung der Bilder ist unabtrennbar mit der Haltung des Künstlers verschmolzen. Es findet ein wechselseitiges Ein- und Entströmen statt, dass sich in kristallinen Momenten – was an und für sich Bilder und Lebenshaltungen auch sind – nicht als vereist erweist, sondern als Wachstum. Was im Sturm zu gären pflegte, wird schließlich als Wein kredenzt; und nicht von ungefähr bedeutet haltig in der Bergmannsprache Erz führend. Dabei wird nicht einfach abgebaut und von Hier nach Dort transportiert, sondern der Prozeß wird zum Schmelztigel oder Krater , der aus einfachem, alltäglichem und abfälligem Material – allchymisch beinah’ –sein „Gold“ legiert. Und in diesem Glanze will und soll man auch ein Leben führen.

Und außerdem: Alle entscheidenden Türen stehen zumeist offen!

(1) Martin Kippenberger/Albert Oehlen, Gedichte (Teil 1), Berlin 1984

Andreas L. Hofbauer for Niko Sturm (exhibition Mercator foundation, Ljubljana 2004)

An Apology of Money

For months we had been trying in vain to get in touch with Virek. His immense wealth, his encyclopedic knowledge of money and his obsessive preoccupation with the more obscure aspects of the subject seemed to make him an ideal person for us to talk to.

We were finally able to get in contact with him through the K-Foundation. Some time previously, Virek had paid Bill and Jimmy an enormous sum for all the material left over from burning the million pounds – the suitcase, the video tape and of course the brick, which they had had made out of the ashes of the two thousand £50 notes. Bill gave us the name of the intermediary, who had arranged the deal at the time. The latter, a gallery owner in Wiesbaden, passed on our request for an interview to Virek. A short time later we received a laconic faxed message from the heart of Virek’s business empire, informing us, that at present Herr Josef Virek was staying at his summer home in Wörgl, in the Tyrol, and was willing to receive us there for a short conversation.

Summer home – that was a controversial and much-discussed complex of massive reinforced concrete buildings, which had only recently been built for Virek in the mountains of the Tyrol by one of the star architects from the south coast of China. The monolithic structure, in neo-bureaucratic style, was in marked contrast to Virek’s other domiciles, for example the opulent retreat, reminiscent of Ludwig of Bavaria’s fairy-tale castles, which he had built on the Venusberg, or the Synthetic Oyster Building, drifting in the sea off the Turkish coast.

We had to go through several security checks, before reaching the main building. Once we had given our names to the receptionists, we sat down in the lounge. The staff, both inside and outside the building, consisted of Orientals. If the rumours circulating about Virek were true, then these were without exception North Koreans. While we waited, we puzzled over the reasons for this idiosyncratic recruitment policy. Was it mere eccentricity? Did it provide him with greater loyalty and security? Or was it a symptom of paranoia?

After a brief wait, the butler welcomed us with exquisite courtesy and led us into the spacious library. „Please sit down. Herr Virek will be with you shortly.“ At the centre of the building, with its massive, bare walls, the library seemed almost like an oasis. At first sight, aside from the classics of literature and political economy, we also noted less familiar works; writings by Laum, Schacht and Tegtmeier, for instance. A glass case contained rare manuscripts and first editions, among them Faust, several Balzac volumes and Ludwig Wittgenstein’s manuscript of Ökonomie der Sprache, which recently turned up in a Norwegian archive. Hanging between the bookcases were numerous pictures and paintings which further reinforced the impression of being in a Wunderkammer. Particularly conspicuous among them were Brener’s adaptation of Malevich and one of Nancy Chunn’s front pages, covered in dollar signs. Through a half-open door at the far end of the room, we could see the valley below. It was roofed over by a huge glass dome and iridescent light from slopes covered in artificial snow penetrated into the library. Against a wall beside the terrace door there were a number of consoles, displaying various auratic objects: An ancient Greek skewer, an Ethiopian salt bar, the model of a helicopter. Above these objects there was a monitor showing a video kaleidoscope, looped sequences from cartoon films: Uncle Scrooge diving into his morning bath of money, Beavis and Butt-Head photocopying dollar notes, one of those crazy dialogues from Shane Simmons’ Money Talks . . . The flow of images was abruptly interrupted and the butler’s face appeared on the monitor. „Herr Virek very much regrets that, due to an unforeseen engagement, he cannot be with you in person. He will, however, be at your disposal by video link.“ His face disappeared and was replaced by the familiar features of Josef Virek in front of a monochrome background.

During the conversation, which lasted almost forty minutes, Virek was disquietingly alert and in command; his answers came very quickly, without hesitation and without displaying any discernible emotions.

You are considered to be one of the richest men in the world. Can you remember how you earned your first money?

No.

You mean that, although money is so important in your life, you no longer have any first impressions of it?

It is precisely because money is so important in my life, that I have forgotten them entirely. They would also be quite irrelevant.

Peter Drucker once said: „If all the superrich disappeared, the world economy would not even notice. The superrich are irrelevant to the economy.“ Do you agree?

Absolutely. You see, and that’s the point Drucker is making, the key economic factor has for a long time been the sum of anonymous small investors and not the individual big investor. On the other hand, there will always be individuals, who concentrate a greater amount of money in their hands than the average. It accommodates the human need for the personalisation of wealth. I think very highly of Drucker by the way, in particular his remark on Freud’s money neurosis. It was not sexual neurosis that was the outstanding phenomenon of fin de siècle Viennese society, but money neurosis. Freud himself writes in a letter to Fliess, that he had known utter poverty in his youth and had been constantly afraid of it ever since. Money was laughing gas to him. That probably explains the business sense of psychoanalysts . . .

But you don’t deny, that there’s a relationship between money and sexuality. We’re thinking of the well known photograph by Helmut Newton, which shows you posing with a large shell.

Of course. Anthropologists have plenty of theories on the relationship between early forms of money and the female genitals. Nor should we forget the historically important fact of prostitution, which is, after all, a basic constant of human society. In simple material terms alone it demonstrates the close link between money and sexuality. My coin collection for example, contains a large number of Roman brothel coins. In fact, I would go even further and suggest that there is also a relationship between sexuality and money theory. I need only mention Schumpeter, who was sexually very active and made no secret of it. – And apart from that, as you know money always makes everything easier.

You are one of the world’s most important art collectors and you have a particular interest in art with money as its theme. Looking at the paintings and graphics hanging in this room, it is noticeable that many convey a message critical of money. What do you think of artists’ criticisms’ of money?

Take, for example, Jamie Reid’s The Death of Money, which is hanging behind you. Reid was graphic artist for the Sex Pistols, who are a nice example of the ambivalence of artists and Anarchists to money. Malcolm McLaren’s maxim as manager of the Sex Pistols was „Cash from Chaos“. So it was quite consistent, when in The Great Rock ‘n’ Roll Swindle we were told: „The only notes that really count/Are the ones that come in wads.“ John Lydon, the singer of the Sex Pistols, later formed Public Image Limited and with This Is Not A Love Song wrote one of the finest hymns to money and free enterprise. „I’m going over to the other side/I’m happy to have, not to have not/Big business is very wise/I’m inside free enterprise.“ Even when an artist creates a work of art in a spirit of refusal, as agitation, he usually underestimates the possibility of affirmation on the part of the beholder. Take, as another example, Idol by Winston Smith, hanging over there in the corner above the card table. Even the figure of Christ nailed onto dollar notes, which the Dead Kennedys used on the cover of one of their records with the unambiguous intention of criticising capitalism and religion, can also be seen as entirely affirmative.
Ultimately, however, I am only interested in the aesthetic value of the critique of money made by artists. That’s the only thing that matters, when I buy a work.

There is a rumour that you are one of the financial backers of the lawyers, who are at present attempting, through the international courts of justice, to break the state monopoly on money and allow the issuing of private currencies. Is that true? And is it true that, should these actions be successful, you are thinking of issuing your own currency?

Obviously I cannot comment on proceedings, which are still pending. Nevertheless I should like to say at this point, that in a historical perspective, private money is nothing new. In the present day too there are good arguments for allowing private money. Hayek already formulated them in the last century. As to the second part of your question, I should like to say, that I created my own currency – the Virek – some time ago. I invited famous artists, like J.S.G. Boggs to design the bank notes and other bearers. I must add, however, that this is really for my own private amusement and I have no economic goals in mind. For the moment at least. But even though there are no plans for a public issue of the Virek for the moment, I certainly believe, that my currency could hold its own against other currencies.

Are you not afraid that you will be accused of vanity, if you give this currency your own name?

Not in the least. My considerations were exclusively economic ones. What would the alternative be? After endless market surveys and long reflection highly paid marketing experts would suggest a name. The name would first have to be introduced and popularised and that would require a great deal of energy and, above all, money. Since my name may already be regarded as a synonym for wealth and money, the choice is an obvious one.

Apart from a sophisticated artistic design would the Virek exhibit any other distinctive features and idiosyncracies?

It would be like every other efficiently functioning currency and it would of course have the most up-to-date safeguards against forgery. A necessary measure, even though I personally find the phenomenon of forgery very interesting. It has been of central importance since Diogenes, the cynic and counterfeiter, and not only in economic matters. What is genuine? What is fake? What has worth? What is true?

The accumulation of knowledge about money, the proliferating collections and investments – are they ultimately anything more than attempts to escape the burden of money? Or put another way: Do you fear that one day you may reach the point, where what you really want can no longer be had for money?

It’s a question I’m familiar with . . . „Money may buy you a fine dog, but only love can make it wag its tail.“ – A sentence, which Kinky Friedman likes to repeat. Nonetheless I have dismissed the question as being of no relevance to me. I have learned to regard my privileged position as one of the wealthiest men in the world primarily as an adventure, which was and is possible for very few besides myself. Top class staff allow me to reduce my involvement in everyday business affairs to a minimum. Therefore I have the time to carry out a more profound investigation of the character of money, which, as you know, is a pure intellectual and energetic concept. One of the characteristics of money, for example, is its ability to manifest itself in extreme forms of solidity and liquidity. A figure, whom at the moment I find very interesting in this context, is Vauban, who was not only a master of the construction of fortifications, but also a distinguished economist of the day.

What you say is very impressive. Nevertheless we must confess that you have not convinced us entirely. Perhaps we can turn to a literary figure to express our reservation: Lurking behind the figure of the all-powerful, self-confident Anarchist Banker is there not also his creator, the melancholic Pessoa? Can you understand this tension?

Like everyone else, I too am subject to economic constraints. More so indeed. I wish I could embrace the philosophy of money, which Dominique Aury once described as the only tenable one for her. „Holy Mother, I pray you to grant me enough fish that I may eat and feed my family, have sufficient left to give some away, and then enough more so that those who need may steal it from me.“ Unfortunately my wealth prevents me from practising that. Nor is an act of liberation, of the kind, that the K-Foundation carried out, possible for me. My wealth has taken on such dimensions, that even the possibility of destroying it is denied me. One could even say, I don’t own all the money, it owns me. The fact that I am so inextricably involved with money is not only bound up with an enormous pressure, it also produces a surplus of pleasure. A print by a young slogan artist, which I acquired recently, gets to the heart of the matter: $LAVE.

Richard Brem and Andreas L. Hofbauer for Robert Jelinek (Ed.) and Sabotage Communications. This article was published in SUBETAGE (Vienna 1999)

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