Die Geherin / The Walker

Nur den Niedertritt konnte man hören, nicht das Aufheben des Fußes. Beim Hören ist eine Lücke nötig, eine ganz kleine Pause. Hier erstirbt der Ton. Beim Sehen des Perpendikels gibt es einen Ruhepunkt für den Perpendikel, wo seine Bewegung umdreht. (Friedrich Nietzsche)

Räume und Architekturen formen. Schrittweise werden Körper mit Informationen versorgt, die sich aus Physik und Geschichte der jeweiligen durchquerten Orte speisen. Die „Geherin“ macht Kraftfelder, die auf jeden einzelnen einwirken, synästhetisch sichtbar. Vergangene Ereignisse werden wachgerufen, Orte, Szenen und Schicksale erinnert, Visionen für Zukünftiges entworfen. Sie ist Motor einer Plastik, die das Soziale physiologisch begreift und Geschichte fortschreibt. Psychogeografie.

Sleep Twitch

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“No. Not like this. – Like this!”

If all the matter down here is made out of the fabric of the dresses, the angels wore, when they were expelled from the highest heavens – then, alas!, the ek-stasis of love and death, their coincidence, should be our new paradise. When our passionate tongues rave and lick alongside the tucks, seams and stitchings, then this will be our desperate but nevertheless idolatrous and haughty attitude. Even when the last piece of fabric is our own skin – or the dust of our bones. Our dreams are boundless, we are “ein Stück in Tüchern” (Rainer Maria Rilke)

Andreas L. Hofbauer on the erotics of touching fabric. A screen shot from the excellent Dellamorte Dellamore by Michele Soavi (1994)

Seide wird zerrissen, um sie besser verstehen zu können

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Ca. 20’ Laufzeit. Loop. 2 Schauspieler. Eine Frau. Ein Mann. Frau: ca. 30 Jahre alt. Trägt ein historisches Kleid. Helle Farbe. Wirkt ein wenig wie ein Kittel (jedoch ohne Anklänge an Upperclass oder Heilanstaltsinsassin). In der Mitte durch Mieder versteift. Mann: ca. 50 Jahre. Neutral gekleidet. Nicht historisch. Möglicherweise gedeckter schwarzer Anzug. Raum: Trägt der Idee “Falte” Rechnung, indem er mit Mollton (weiß) ausgekleidet ist.

Der gesprochene Text bleibt möglichst nah am Original. Interaktion zwischen den beiden Figuren ist zumeist nur gestisch und figuriert sich entlang des Textmaterials. Die Frau spricht zuweilen in der dritten Person über sich, so als ob sie über eine Freundin oder eine ihr bekannte Person spräche. Die Konversation und die Reden bleiben gespenstisch. Vagheit herrscht vor. Keine Kommunikation im eigentlichen Sinne.

[Großaufnahme; Gesicht des Mannes frontal; während er spricht, fährt die Kamera zurück]

Mann:
Ich saß auf dem Stuhl nicht wie gewöhnlich, sondern rittlings, und der Sitz war mit Samt überzogen. Da mir die Empfindungen angenehm waren, habe ich es noch einmal gemacht; aber niemals hatte ich von dergleichen reden hören. Der Gebrauch des Fingers ist erst später gekommen.

[Frau; nun neben dem Mann im Profil]

Ich habe geheiratet, um ein schönes Kleid aus schwarzer Seide zu haben, das aufrecht steht. Nach meiner Heirat zog ich noch Puppen an; das tue ich noch immer gern. Die Seide hat ein Rauschen, ein Zirpen, das mich kommen lässt. Schon das Wort Seide sagen hören, oder sich die Seide im Gedanken vorstellen genügt, um eine Erektion der Sexualorgane hervorzurufen. Der vollständige Orgasmus stellt sich bei der Berührung und vor allem bei der Reibung der Seide an dieser Region ein. Jeden Tag gab ich mich der Masturbation hin. Die normalen sexuellen Beziehungen verschaffen mir keinen Genuss.
In den großen Warenhäusern habe ich oft gestohlen. Mein Strafregister verzeichnet 26 Verurteilungen. Einmal wegen Entwendung eines Seidenkleides, das ich nach dem Diebstahl zusammengerollt und unter dem Rock zwischen meine Schenkel gesteckt habe. Eines Tages trat ich in ein großes Warenhaus ein, getrieben wie von einem Zwang. … In der Seidenabteilung faszinierte mich ein Kleid aus heller blauer Seide, es stand aufrecht. Eine Seide, die nicht steif steht, sagt mir nichts. Darauf war Spitze. Ich habe dieses Kinderkleid genommen, habe es unter meinem Rock verschwinden lassen, in einer großen Tasche mit einem Zipfel habe ich das Kleid genommen und damit masturbiert, mitten im Geschäft, beim Aufzug, dann im Aufzug, wo ich am meisten Genuss hatte. In diesen Momenten schwillt mein Kopf, mein Gesicht wird karmesinrot, die Schläfen schlagen, nur so kann ich genießen. Danach nehme ich den Gegenstand oder lasse ihn. Als man mich überraschte, warf ich ihn weg. Ich habe ihm sogar einen Fußtritt versetzt. Masturbation allein macht mir kein großes Vergnügen, aber ich vervollständige sie, indem ich an das Schillern und das Rauschen der Seide denke. Manchmal, wenn ich mit der Seide masturbiere, habe ich sogar an Männer gedacht. Auch wenn mir der Mann nichts macht.
Ich liebe die Seide, die ganz allein steht.

Excerpt of a screenplay, written together with Theo Ligthart for a Video-Installation (not executed yet) on Gaetan Gatian de Clérambault and the erotics of touching fabrics. We used original lines (translated by Walter Seitter) put on the record by female inmates of the police asylum, in which Clérambault used to work in Paris.

KörperPolitik

Letztlich vier Männer, zwei klare Selbstmörder, ein wohlwollender Sterberegistervermerk, lautend auf Tod durch Unfall, ein Leben, das von Wahnsinn und Tod zeitlebens gefangen war, und sich in erotischen Ekstasen und Verschlingungen wie eine Larve in ihrem Kokon wand, dem sie niemals entschlüpfen sollte. Magische Kombinatoriken und Maschinen, deren Programme Texte sind. Fixiertheit auf Helden, Kinder und Männer und ihre Maschinenträume.

Denkt man sich das Diverse und Strittige (polemos) paradoxerweise als Verbindliches, so gilt es neue und andere Fassungen der Politiken und der Körper experimentell herzustellen. Dafür ist eine Virtualität und Virtuosität verlangt, die zum einen den Willen zur Gestalt und Form austrägt und ihn zum anderen radikal entstellen muß. Als Zeugen oder Begleiter sind daher solche zu wählen, die um die wenigstens zweideutigen Funktionen, nämlich als Bruch/Lücke und Kuppler/Verbindungsrealisator, von Scharnier und Schnitt, von Zwiefalt und Zwischenfalte, wußten. Die sich selbst auf Elemente einließen, die einen außerordentlichen symbolischen Status, als Realisator eines Körperwerdens, einnehmen. Gemacht wird so eine Erfahrung, welche das Multiple und Heterogene als Eines der Immanenz zu fassen gestattet (disjunkte Synthese). Solche, die sich an formlose Elemente wandten, die in den jeweils realen, symbolischen und imaginären Strukturen ohne Funktion sind. Deren Affektivität unterstreicht das Paradox des Zugleich und Ineinanderüber von Sein und Werden und kann sich nicht auf Entsprechung, Wiederholung und Beziehung, auch nicht auf Nachahmung oder Identifikation, reduzieren lassen, sondern ist Diversifizierung der materialen Gefüge des Werdens.
Das, was daran spannend und stimmig ist, ist ein tonos (Band, Ton), der keine gestalteten politischen Körper schafft (jeder Körper ist politisch informiert), sondern Körper destabilisiert, indem er sie einem Werden aussetzt, dem diese sich wiederum, schließlich sind sie ja informiert, widersetzen. Eros und Eris In-Beziehung-Tretens sind so eben leiblich-grammatische Umsetzungen und Diversifikationen (vom Händeschütteln bis zum Ich, Du, Er, Sie, Es …) und nicht Versiegen in den gestischen, habituellen oder deklinierenden Repertoires.
Durch solche Geste werden Wissen und seine Bestände insultiert, wie auch die Schemata einer sprachlich linearen und explikativen Auslegung, Konstatierung oder Vermessung verunmöglicht. Fokussiert werden dagegen die Ins-Werk-Setzungen der Ensembles und ihre gleichzeitige Entwerkung (desœuvrierung). Exzessiv ist dabei die Präsenz des Dings (da) selbst. (Das muß sich gar nicht lautstark oder spektakulär anzeigen.) Zugleich es im Gegenstand (dem mental, verschrifteten oder sonstigen) insistiert, wird es durch die Kontaminierung mit seinem Supplementsein verrückt. Das sogenannte dritte Element dieser Ineinssetzung und Gegeneinanderüberhaltung, welche nicht einfachhin Koinzidenz ist, ist nicht länger isolierbar (weder als Zwischen, noch als Fuge), sondern in das Dingwerden eingelassen (und zwar im Sinne der krasis)!
Wir suchen also nach (An)Trieben, mit ihrem jeweiligen Träger/Agenten (suppôt), gar Saboteur (nämlich Diversanten), der zugleich für eine Formierung und (voreilige) Rahmung verantwortlich ist, wie er diese auch en kontaminiert und zum Exzeß treibt. Aufzeichnungsfolien sind dafür Texturen, die nicht besser in der Lage sind, Formen ein- und aufgeprägt zu bekommen, sondern die trachten, höhere Intensitäten einzufangen, gar zu bündeln. Dabei ist eine Logik des Affekts, die nicht zuletzt der diversen Materie folgt, auch Begeisterung, die Stammeln, Disparatheit und Zerfall für das Sprechen nicht nur praktiziert, sondern sogar einfordern muß. Strategien der Selbstruinierung (Dietmar Kamper) müssen Pakte zuweilen auch mit den pathogenen oder perversen Valeurs schließen, was dazu führt, daß man eben nicht weiß, was man tut oder ist, wenn man dabei ist zu denken, also zu werden, was man gewesen sein wird.
Dabei muß Körperdenken aus den von Wissen und Bildlichkeit regulierten Registrierungen und Exklusionen abweichen und sich dem aussetzen, was diese Bilder und Register über-lebt, das heißt nicht restlos in deren Mortifizierungen aufgeht. Zeitlichkeit traversiert die Einkadrierungen und ist somit vorrangige Logik eines Körperwerdens. Körper werden immer in anderen Körpern, deren Fleisch die Schemata überdauert (und nicht nur aufbricht).
Vielleicht läßt bei all dem nicht nur das Reich des Messias die Welt so, wie sie ist – bloß um eine Winzigkeit verschoben (Scholem/Bloch/Benjamin). Ist das (endliche) Paradies nicht zu unterscheiden von jetziger Welt, bloß um eine Nuance anders, so mag diese Nuance in den Scharnieren und Schnitten, die sich zuweilen auch verkörpern versprechen. Gezeigt werden soll aber, daß uns nichts dazu zwingt Potentialität und Aktualität auf eine Entscheidung (krisis) des Äußersten hin zu stimmen, sondern sich alles innerhalb einer immanenten und kontingenten Mischung (krasis) fügt. Ist Kruzifizierung die Eliminierung des Materiellen zugunsten des Zeichens/Bildes, so heißt eben abgehen davon, neue Fassungen einer Körper-Politik zu erfinden. Eine solche verlangt nach einer Strategie des radikalen Denkens von Materialität und Zeit, muß sich diesem überlassen. Also auch die eigenen Stratageme auf sich einschlagen lassen, auch noch seine eigenen Bemühungen behindern, die äußerste Anstrengung wagen, um die geringste Wirkung zu erzielen. Was bleibt, ist (be)deutungslose Performanz (Bejahung), die scheiternd Zeugnis ablegt von der Spannung zwischen dem, was überlebt haben wird, und dem, was hier und jetzt jeweils gesagt, gehört, getan werden kann. Eine Tortur einer Spannung, zu deren Austrag man schließlich doch gezwungen und verpflichtet ist und aus der heraus erst befreundetes Teilen von Zeiten und Räumen möglich werden kann.

Die sich interpretierenden gegenläufigen Intensitätsfluktuationen der von mir konturierten Sprachen und Körpern erzeugen also keine Gestalt oder Schlußfigur, sondern versuchen Aufzeichnungsflächen her- und darzustellen. Dies geschieht immer über andere Körper und andere Sprachen. So verschreibe sich die Revisionen aber keiner Bildlichkeit und bilden sich auch nicht ein, mehr als Scheitern vorstellig zu machen. Wird also anhand der Intimtechniken des Umganges mit den fremdesten Fremdkörpern, nämlich den Wortenkörpern, nachgedacht, so gibt sich dies nicht exemplarisch, aber symptomatisch. Und so wie es nicht in der freien Macht des Geistes liegen kann, sich eines Dings zu erinnern oder es zu vergessen, so mag die Auswahl derer, die da Schreiben und Bilder machen, und hier nun umschrieben und entstellt werden, Spekulationen und Rückschlüsse auf das Erinnern und Vergessen des Autors anheben lassen. Wer sich aber aufmachen möchte, darüber nachzudenken was ein Körper vermöchte, wenn er nicht vom Geiste bestimmt würde, wer also nicht mit offenen Augen träumen möchte, sondern nächtlich wachen, der wird in den Fragmentierungen vielleicht Winke finden. Zugleich aber können sich solcherlei Revisionen und die Unternehmungen, wie die des Nachstehenden, immer nur als Scheitern vorstellen, aber nur vor dem Wort des großen Philosophen, welches die dritte Erkenntnisart gewesen sein wird. Dorthin aber führen nur sehr schwierige Wege, und nur wenige lernen sie frohen Mutes zu gehen. Jede Verirrung und jede Irrnis kann aber Zeugnis ablegen und vielleicht ist mehr eine unmenschliche Aufgabe.
Zu bedenken bleibt das Ungeheure und Ungemeine einer Kindheit für die Philosophie, besser vielleicht noch ein Kind-werden des Philosophen, das die Philosophie zur Sprache bringt.

Fragment aus dem letzten Jahrhundert für eine Einleitung zu einem ungeschriebenen Buch, welches sich Rudolf Schwarzkogler, Malcolm Lowry, Yukio Mishima und Hans Bellmer widmen wollte.