Scrying

 

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Canvassing the profound realms of beauty and sublime with Bob Rutman. Pic by Monique Schramm.

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Röcke tragen // Kleider tragen

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Hosen sind zwei gegabelte Röhren, die fuglos in einem oben offenen, schnür- und füllbaren Hüftsack enden. Die internationale Mode- und Bekleidungsindustrie spricht daher von bifurcated garments. Ob diese Röhren nun mit je einer Bügelfalte versehen werden oder aber mit keiner spielt nur eine unwesentliche Rolle. Üppigere Drapierungen oder Fältelungen sind nicht zu erwarten. Während sich noch in der griechischen Antike die Bekleidung von Männern (chlamys / himation) und Frauen (peplos / chitón) bestenfalls durch die Saumlänge unterschied, ist das nun schon seit geraumer Zeit anders. Tragen Männer Kleider oder Röcke, die in der Regel für Frauen gefertigt wurden, dann öffnet sich sofort ein gewaltiges Feld, das bevölkert ist mit Fetischen, Geschlechterdifferenzen, Transvestiten, Perversionen, Crossdressing, Homo-, Hetero oder Transsexualitäten. Dieses wird dann immer noch gerne mit der Sehhilfe einer Psychoanalyse überschaut, die schon länger keinen Optiker gesehen hat. Entbergung und Verbergung, Ordnung des Schleiers und Ordnung der Einhüllung; egal ob das Objekt verborgen wird oder der Objektmangel – es bleibt bei einer Logik des Blicks und der Sichtbarkeit von Objekten. {…} Wir dürfen uns [aber] einen erotisch begeisterten Menschen denken, dem das Eintauchen in das Kleid dem Betreten einer hermetischen Kammer oder dem Angespült-werden an den Strand einer Insel gleicht. Sensorische Erfahrungen kollabieren und durchmischen sich, da der andere aufhört, die Ränder und Übergänge der Welt zu sichern. Die das ganze Feld bedingende Wahrnehmungsstruktur gerät ins Schwanken dort, wo, im Zurücktreten des anderen, Bewusstsein und Objekt anfangen eins zu werden. Ein solcherart leidenschaftlich Begabter lässt daher die Gabelung hinter sich, wenn er sie gegen das Kleid tauscht. Er erprobt ein disinvestment hinsichtlich der Dichotomie. Das Kleid, das er zu werden beginnt, wird gewissermaßen vom Chaos, vom Wirbel, erfasst; es gleicht nun auch einem Resonanzkleid, das wie eine Membran die pulsierenden Lineaturen aufnimmt und sie in Intensitäten verwandelt. Will man auditiv fassen, dann „raschelt“ und „rauscht“ ein Kleid grundsätzlich. Die pathische Apprehension (Guattari) die hier ins Spiel kommt, wird vom Nicht-Organischen aufgeschlossen, das ein solches Begehren ergreift und kapert, ohne sich sofort wieder entlang der eingefahrenen Organisationsordnung der Fetisch-Lust einfangen zu lassen. [Auszug]

Get you a copy here

Or here!

Original photography by Andy Tan. Model: Jelle Haen (Future Faces)

No resurrection without psychoplastic re-shape


Painting by Aleister Crowley, located in a door jamb, Abbey of Thelema, possibly depiction of Baphomet

Zum Replikat von Aleister Crowleys Chambre des Cauchemars

Ein Ritual- oder Initiationsraum dient der Kraftübertragung. Die Vehikel dieser Transmissionen können unterschiedlicher Verfassung sein. Zweifellos kommt aber Körpern und Bildern (Visualisierungen) ein besonderer Stellenwert zu. (Damit ist nicht gesagt, dass Bilder keine Körper sind.) Wir haben es hier mit Bildern zu tun, die direkt an Wänden angebracht wurden und somit den gesamten Raum in einen Bild-Raum verwandelt haben. Derlei Bilder dienen nun nicht dem interesselosen Wohlgefallen der Betrachtung, sondern sie sind Affekt-Zeichen.

Gemäß der nietzscheschen Überlegung, dass die Wirkungen den Ursachen vorangehen, scheint es meiner Einschätzung nach nicht von vorrangigem Interesse zu sein, nach dem Warum und Wie dieser Einweihungen zu fragen. Wir dürfen uns fürs erste damit begnügen festzustellen, dass es gewisse Riten gab, die vor dem Eintritt in das Chambre und während des Aufenthalts in selbigem zur Anwendung kamen. Von der Benutzung von Drogen und der Durchführung sexual-magischer Praktiken ist auszugehen. Ebenso wurde der Raum auch für profane Zwecke genutzt (und diente Aleister Crowley auch als Schlafzimmer). Darüber hinaus ist nicht nur diesem Fall die Trennlinie zwischen profan und theurgisch ohnehin eine unscharfe.

Entscheidend bei all dem ist, dass während der rituellen oder initiatorischen Vorgänge, die Bilder selbst lebendig werden sollten („become alive“) und vom Geist des Initianden / Magiers Besitz ergreifen („obsess their spirit“). Das Problem solcher Besessenheit ist nun ein Zweifaches. Zum einen übermannt ein solcher Vorgang den Willen (griech: thelema), zum anderen erlaubt auch die Intensivierung und Transformation, was man sich gemeinhin unter eben einem solchen Willen – einem, dem (selbst)bewussten Ego unterworfenen Akt – vorzustellen pflegt. Wille ist hier nicht länger actus, sondern Prozess (ein Werden / becoming). Die Evokation von göttlichen, dämonischen, astralen oder sonstigen Entitäten oder Vorstellungskomplexen durch Bilder ist Transformation des in sich verschlossenen Egos. Der Ritualraum ist ein symbolischer Energiecontainer, der es dem Fleischcontainer ermöglicht, sich zu öffnen. Bilder werden inkarniert (dringen ein) und entrücken den Körper in andere Bewusstseinszustände, die von mehr oder weniger dauerhafter Natur sind (nachdem der Ritualraum verlassen wird). Es findet somit ein psycho-pikto-plastisches Re-Shape statt. In David Cronebergs Film Videodrome merkt Prof. O’Blivion (Medienanalytiker und Psychoplast) an, zuerst hätte er gedacht, seine Visionen seien auf den Tumor in seinem Gehirn zurückzuführen, bis ihm klar geworden sei, dass im Gegenteil die Visionen seinen Tumor hervorgebracht hätten. Die Bilder generierten New Flesh. Verändert nun auch der Magier nicht die Welt um sich herum, sondern transformiert sich selbst (damit „seine“ Welt und das nicht bloß „kognitiv“), dann verleibt er sich die lebendigen Ritualbilder des workings (ergon) ein. Aus diesem Grunde könnte man die Wandmalereien durchaus, wenn auch ein wenig oberflächlich, als Sigillen bezeichnen. Diese leben dann in ihm als Reste weiter, über-leben, bilden Aspekte eines neuen Selbst-im-Werden. Es entsteht eine Art multiple Persönlichkeit, oder besser noch ein Komposit-Selbst, das diese verschiedenen Facetten nach und nach „bewusst“ einsetzen kann. Viktor Neuenburg, der Adept Crowleys und Informant Sigmund Freuds (gemeinsam mit Eckenstein gab er letzterem den Hinweis auf das „ozeanische Gefühl“, von dem Freud Zeit seines Lebens bestritt, es jemals erfahren zu haben), hat darauf hingewiesen, dass solcherlei Vorgänge mit der Traumerfahrung in Beziehung zu setzen sind. Tagreste dringen in Form von Symbolen in die Bildwelt des Traumes, und Nachtreste der Symbol-Bilder werden zurück in den Wachzustand (bewusst oder unbewusst) übertragen.

Sonach ist der Transmissions-Raum eben auch (T)Raum.

Die Transmission ist eine virtuelle (von virtus = Macht). Wird sie ritualisiert, wird sie dem Willen (wessen auch immer) unterworfen, um kontrolliert werden zu können. Macht verlangt nach Form. In-formation. Bediente sich Crowley auch freimütig bei den Ideen und dem Info-Material anderer, so liegt hierin doch ein zentrales Moment nicht allein der individuellen Vervollkommnung, sondern auch eine Utopie des Gesellschaftlichen und Politischen. Rabelais kennt nur das TU WAS DU WILLST, das als Motto seine Abtei von Thélème schmückte. Diesen Satz hat Crowley entscheidend erweitert – indem er unscheinbar ein anderes Motto transformierte, das bereits Jahrzehnte vorher ausgesprochen wurde. (Und zwar von Paschal B. Randolph für die Brotherhood of Eulis.) Dieses ursprüngliche Gesetz von Randolph lautet:

Will reigns omnipotent;
Love lieth at the foundation.

Inkarnation unter dem Gesetz der Liebe (Sexualmagie), Freisetzung aller Potenzen des Willens (der nicht länger an ein Ego gebunden ist), keine Abkehr hin zu Nirvana oder Nichts, sondern konkrete Diesseitigkeit und Materialität als spirituelles Band neuer Gemeinschaft.

Die Reste der Wandbilder aus dem Chambre des Couchemars, die Zerstörung und Verfall gerade noch überstanden haben, sind Ruinen und Fragmente eines ähnlichen Versuchs. Ein unkontrolliertes Palimpsest ist entstanden (Übermalungen, Graffitti etc.) und die lichtbildliche Herausnahme der noch (un)versehrten Stellen – nennen wir es getrost Archeofotografie – macht nun den Raum selbst wieder transportabel. Das Replikat des Raumes bewerkstelligt die Filiation von Räumen und Kräften. Wenn die Geheimnisse an den Wänden die Kraft wieder gewinnen zu senden, zu über-tragen, dann werden sie zu denken geben. Die Frage aufwerfen, was das eigentlich für eine Temporäre Autonome Zone (Hakim Bey) war. Gibt es selbst am Replikat noch Aurareste? Und selbst wenn dem nicht so sein sollte: Genügt nicht allein schon die profane Epiphanie dieser Fragmente, um uns Staunen zu machen?

Wie auch immer. Die Abtei Thélème, die Gargantua dem Mönch stiftet (François Rabelais, Gargantua, Kap. 52), hatte keine Mauern. Gewiss ist auch, dass es keine Trompeten von Jericho bislang zustande brachten, die Thelema Abbey vollständig zu vernichten. Die Bilder an den Wänden und Mauern haben sich nun selbst aufgemacht, angefangen, sich wieder zu bewegen. Sie haben begonnen zu wandern. Wohin, ist nicht klar; doch sie senden weiter. Die Signale sind von vielfältigem Rauschen gestört; es gilt, das richtige Frequenzband zu finden.

Tom McCarthy hat eindrücklich darauf hingewiesen: In Jean Cocteaus Film Orphée schaltet der Titelheld wild zwischen den Sendefrequenzen hin und her. „BIEP-BIEP-BIEP … Achtung: Der Vogel singt mit seinen Fingern … Einmal … Ich wiederhole … 2,294 … Zweimal … BIEP-BIEP“, tönt es aus seinem Autoradio, dem einzigen Ort, der sich selbst an beinahe jeden anderen Ort bringen kann und wo man die „Anweisungen von Drüben“ empfangen kann. Als man ihn fragt, warum er dem zuhöre, antwortet er: „Ich bin dem Unbekannten auf der Spur.“

Andreas Leopold Hofbauer, September 2010, on the occassion of “La Chambre des Cauchemars d’Aleister Crowley” (réalisé par René Luckhardt), 4 – 13 July 2010, Wonderloch Kellerland Berlin)

Replica Chambre des Cauchemars, Wonderloch Kellerland 2010

René Luckhardt, Abbey of Thelema, Cefalu, Sicily

Das Replikat des Chambre des Cauchemars der Abtei von Thelema in Cefalù von René Luckhardt zeigt die Überreste von Aleister Crowleys Wandmalereien von 1920, die ursprünglich die komplette Wandfläche eingenommen haben müssen. Die Abtei befindet sich heute in einem desolaten Zustand; ebenso die Wandmalereien, von denen nur noch wenig in Fragmenten erhalten ist. Diese Reste sind auf das Chambre des Cauchemars beschränkt, Crowleys Initiations- und Schlafzimmer.

Von den nachfolgenden Besitzern des Gebäudes übermalt bzw. zutapeziert, wurde die darunter liegende Malerei von späteren Besuchern stellenweise freigelegt. Eine sachgerechte Restaurierung ist jedoch nie erfolgt. Die Wände sind heute mit Kritzeleien und Graffiti beschmiert, die verbliebenen Reste durch Witterung stark beschädigt. Eine Rekonstruktion des Originalzustandes bzw. eine Restauration ist heute vermutlich aussichtslos.

Das Replikat zeigt die Fragmente, die als Malereien Crowleys zu erkennen sind bzw. ihm zugeordnet werden können. Räumliche Anordnung und Größe der Fotoabzüge entsprechen in etwa dem Original.

Die Abbildung ganz oben zeigt eine doppelköpfige, zwei-geschlechtliche schwarze Figur, die eine Darstellung Baphomets sein könnte. Sie befindet sich in einer Türlaibung und musste innerhalb eines Abstandes von ca. 80 cm gemalt werden. Stufenweise von oben nach unten abfotografiert, wurden die Einzelteile digital nachbearbeitet und aneinander gefügt. Aleister Crowleys Wandgemälde kann auf diese Weise aus der Distanz als Ganzes betrachtet werden.

Replica Chambre des Cauchemars, Galerie Seiler München 2010

Paradise revisited

Der 1889 in Kattowitz geborene, berüchtigte und einflussreiche Erich Przywara S.J. hat kat-holos bündig mit Wendung aufs Ganze übertragen. Er steigert damit den letalen Grundgedanken der kreuzweisen Orientierung in Raum und Zeit zum Äußersten. Die kenosis als Entleerung in Finsternis und Knechtschaft, von der Paulus im Brief an die Philipper spricht, errichtet das letzte Mahnmal unbedingten Ressentiments. Eine dunkle Nacht, die sich elektrisch in den Synapsen des Juan de la Cruz entlädt.

Doch wenn Eva ihren Kopf mitsamt den Lippen (und den Augen) in der Sixtinischen Kapelle verdreht, dann ist gerade mit dieser Drehung die Gegenstrophe angeschlagen. Schubumkehr. Und das ist nicht einmal mehr Verzückung in der gegenstrebigen Fügung, sondern ekstatischer Halt in einer unmöglichen Zone zwischen Gleißen und Auslöschung. Die Bilder einer solchen Aphanisis evozieren nur auf den ersten Blick jene Bilder, die in uns kreisen, wenn wir an die Gemächer der Villa dei misteri bei Pompeij oder den Parc-aux-cerfs in Versailles denken. Vielmehr sind sie Dreh- und Kippelemente eines Experiments.

Betrachtet man einen Rotor von oben oder von der Seite, dann sieht man ein X. Wir könnten auch sagen, ein „echtes, rechtes X, das heisst den vorletzten Buchstaben vor dem letzten …“. Doch vielleicht markiert dieses X auch den Punkt, der bleibt, wenn auch das Letzte vergessen ist. Rotor ist ein Palindrom. Auch eine Antwort auf die Katastrophe des Kreuzes. Was hier über-lebt haben wird, erwartet die stets wiederkehrende Morgendämmerung; etwas kühl und metallisch – gewiss, doch wer hat uns versprochen, dass es im Paradies kuschelig und warm ist?

Andreas Leopold Hofbauer for René Luckhardt Aphanysium, Galerie Bernd Kugler, Innsbruck (21. Januar bis 26. Februar 2011).

Ferris wheel / Fairies of time

When, lo! as they reached the mountain-side,
A wondrous portal opened wide,
As if a cavern was suddenly hollowed;
And the Piper advanced and the children followed,
And when all were in to the very last,
The door in the mountain-side shut fast.
Did I say, all? No! One was lame,
And could not dance the whole of the way;
And in after years, if you would blame
His sadness, he was used to say, —
“It’s dull in our town since my playmates left!
I can’t forget that I’m bereft
Of all the pleasant sights they see,
Which the Piper also promised me;
For he led us, he said, to a joyous land,
Joining the town and just at hand,
Where waters gushed and fruit-trees grew,
And flowers put forth a fairer hue,
And everything was strange and new

and everything was strange and new

Draußen, in der Sturmnacht, dreht sich das Lichterrad …
Dieses Rad, das auf die Form des Buches selbst hinweist, kann auch, auf eine selbstverständlich kinematographische Weise, als das Rad der Zeit betrachtet werden, das sich rückwärts zu drehen beginnt … (Malcolm Lowry, Vorwort zu Unter dem Vulkan)

Nähmaschine

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Ein altes englisches Sprichwort lautet: „We are all Adams sons, silk oneley distinguisheth us.“ Wie bei aller Spruchweisheit mag einem Spruch und Weisheit wohl gefallen, doch auch hier harrt mehr im Verborgenen, als manchem recht und billig.

In den sinistren Träumen meiner Kindheit begegnete sie mir unzählige Male. Sie war eine stolze, große und grausame Göttin, die sich Ehrfurcht und Schrecken gebietend hochreckte vor der scheinbaren Unendlichkeit schwarzen Horizonts. Ihr augenloser metallischer Körper schien mir zuzulächeln, doch es war eher ein stählernes, dünnlippiges und vertikales Grinsen. Nicht die Perlen der Zahnreihen blitzten auf und entblößten sich, sondern nur ein einziger Stachel.

Weder war ich nackt, noch bekleidet. Ich war der Stoff, in den ich eingewoben. Ein Knoten oder eine Masche in einer sich unübersichtlich nach links und rechts, nach vorne und hinten ausbreitenden gefältelten Stoffbahn, die wer weiß wo aufruhte. Gebannt starrte ich (ja – ich hatte Augen um zu sehen, zweifellos, ich weiß nicht woher oder warum) auf das Schauspiel, welches nun anhob. Das Grinsen nickte mir zu. Ein Sog begann den Stoff und mich mit ihm vorwärts zu ziehen mit rasender Geschwindigkeit, geradewegs hinein in dieses Nicken. Ein Grinsen, das nickt. Schneller und schneller, auf und ab. Alles lief auf diesen einen Punkt zu, der ich sein sollte. Losmachen wollte ich mich, doch entkam ich nicht dem Verbund, in den ich eingeflochten. Der versteckte Transporteur kannte nur eine Richtung. Entsetzen und Erregung überschwemmten mich, als ich hingerissen meinem Ziel folgte. Immer, wenn ich es erreichte, erwachte ich.

Jedes Kleid (hyphasma / peplos) oder allgemeiner Gewebe (hyphos) wird aus einem gespannten, oder versteiften, vertikalen Faden (stemon / mitos) und einem horizontalen (kroke / rhodane) verfertigt. Die Worte für den vertikalen Faden sind Maskulina, die für den horizontalen Feminina. Das Verweben der beiden (symploke) wurde daher nicht erst bei Seneca mit dem Verkehr der Geschlechter identifiziert. Doch mitnichten handelt es sich um eine Form der Verbindlichkeitsherstellung (bond / Band). Vielmehr ist diese Verbindlichkeit bestenfalls eine diverse oder gar unmögliche. Leitet sich denn nicht selbst der kairos, der glückliche Augenblick, noch her vom Einschlag am Webstuhl? Vom dreieckigen Spalt beim Anhub der Kettfäden, ehe er vom Schussfaden durchschossen? Von der nur kurzfristig auftauchenden Öffnung, die vom Weberschiffchen gequert wird? Eine Lücke – aber eine, die der Öffnung im Panzer gleicht, die durch den Speer (tödlich) geschlossen wird.

Naht und Schnitt informieren das Gewebe. Der Stoff bleibt Traum, die Nadel seine Wahrheit.

In David Lynchs Inland Empire flüstert das Lost Girl Nikki Grace aka Susan Blue zu:

„Do you want to see?

You light a cigarette
You push and turn it right into the silk
You fold the silk over
And then you look through the hole.“

Und ein kleiner Junge trat ins Licht.

Andreas L. Hofbauer (2009); für Silvia Breitwiesers WEBWerk