Handgelenk // Wrist

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Den organischen Leib ablegen, runter mit dem meisterhaften gesteinten borten, an den gelenken unbenât. Ein anderer Schneider ist nötig.

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Reading for the exhibition Handgelenk hosted by Galerie Bernd Kugler together with Tobias Hantmann and René Luckhardt at art berlin 2019.

Miners

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Plinius der Ältere hat das Buch XXXVI seiner Naturkunden den Steinen gewidmet. Er berichtet dort vom Tempel der Fortuna in Antium, dessen Neubau Nero errichten ließ. Erbaut zur Gänze aus phengites, dem Leuchtstein (Glimmer). Ein hochgradig transluzides Kristall-Mineral das sich in hauchdünne Scheiben schneiden lässt. Dass diese trotzdem über die Härte des Marmors verfügen, hat Guido Panciroli im 16. Jahrhundert dazu erfunden. Schloss man alle Türen dieses Tempels, dann blieb es auch bei Tage helle in seinem Inneren. Vom angeblichen Tempel sind nicht einmal Fundamente zu finden. Heute aber kann jeder von uns Tag und Nacht in ihm sein Glück finden, weil er beinahe überall ist. Sarkophag und Bunker im Weltmaßstab. Wird man einen dunkleren Spiegelstein (Lapis specularis) finden, durch den hindurch wir abermals zu sehen vermöchten, was das Bild einer zweitausendfünfhundert Jahre alten Vase zeigt, die sich heute in Toledo, Ohio, befindet? Hades, wie er am Eingang in die Unterwelt freundschaftlich parliert mit dem seit der Bronzezeit mit Zeus eng verbundenen ältesten Gott der „Griechen“: Dionysos. Der hat sogar einen kleinen Pan-Knaben mitgebracht, der mit Zerberus spielt und Unfug treibt. [excerpt // speech by ALH]

Lecture and talk in Vienna (September 20th, 2016). Preview “Bleibende Steinzeit” (TUMULT. Schriften zur Verkehrswissenschaft). Together with Walter Seitter and René Luckhardt. Supported by Sonderzahl Verlag and Galerie Bernd Kugler.

Paradise revisited

Der 1889 in Kattowitz geborene, berüchtigte und einflussreiche Erich Przywara S.J. hat kat-holos bündig mit Wendung aufs Ganze übertragen. Er steigert damit den letalen Grundgedanken der kreuzweisen Orientierung in Raum und Zeit zum Äußersten. Die kenosis als Entleerung in Finsternis und Knechtschaft, von der Paulus im Brief an die Philipper spricht, errichtet das letzte Mahnmal unbedingten Ressentiments. Eine dunkle Nacht, die sich elektrisch in den Synapsen des Juan de la Cruz entlädt.

Doch wenn Eva ihren Kopf mitsamt den Lippen (und den Augen) in der Sixtinischen Kapelle verdreht, dann ist gerade mit dieser Drehung die Gegenstrophe angeschlagen. Schubumkehr. Und das ist nicht einmal mehr Verzückung in der gegenstrebigen Fügung, sondern ekstatischer Halt in einer unmöglichen Zone zwischen Gleißen und Auslöschung. Die Bilder einer solchen Aphanisis evozieren nur auf den ersten Blick jene Bilder, die in uns kreisen, wenn wir an die Gemächer der Villa dei misteri bei Pompeij oder den Parc-aux-cerfs in Versailles denken. Vielmehr sind sie Dreh- und Kippelemente eines Experiments.

Betrachtet man einen Rotor von oben oder von der Seite, dann sieht man ein X. Wir könnten auch sagen, ein „echtes, rechtes X, das heisst den vorletzten Buchstaben vor dem letzten …“. Doch vielleicht markiert dieses X auch den Punkt, der bleibt, wenn auch das Letzte vergessen ist. Rotor ist ein Palindrom. Auch eine Antwort auf die Katastrophe des Kreuzes. Was hier über-lebt haben wird, erwartet die stets wiederkehrende Morgendämmerung; etwas kühl und metallisch – gewiss, doch wer hat uns versprochen, dass es im Paradies kuschelig und warm ist?

Andreas Leopold Hofbauer for René Luckhardt Aphanysium, Galerie Bernd Kugler, Innsbruck (21. Januar bis 26. Februar 2011).