Sehen und Sagen

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Some new ideas about the art of dreaming, trauma and Thomas De Quincey on occasion of the Festschrift for Walter Seitter – “Sehen und Sagen” (Sonderzahl // Vienna 2017).

{Pics by Katharina Copony}

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Plinius der Ältere hat das Buch XXXVI seiner Naturkunden den Steinen gewidmet. Er berichtet dort vom Tempel der Fortuna in Antium, dessen Neubau Nero errichten ließ. Erbaut zur Gänze aus phengites, dem Leuchtstein (Glimmer). Ein hochgradig transluzides Kristall-Mineral das sich in hauchdünne Scheiben schneiden lässt. Dass diese trotzdem über die Härte des Marmors verfügen, hat Guido Panciroli im 16. Jahrhundert dazu erfunden. Schloss man alle Türen dieses Tempels, dann blieb es auch bei Tage helle in seinem Inneren. Vom angeblichen Tempel sind nicht einmal Fundamente zu finden. Heute aber kann jeder von uns Tag und Nacht in ihm sein Glück finden, weil er beinahe überall ist. Sarkophag und Bunker im Weltmaßstab. Wird man einen dunkleren Spiegelstein (Lapis specularis) finden, durch den hindurch wir abermals zu sehen vermöchten, was das Bild einer zweitausendfünfhundert Jahre alten Vase zeigt, die sich heute in Toledo, Ohio, befindet? Hades, wie er am Eingang in die Unterwelt freundschaftlich parliert mit dem seit der Bronzezeit mit Zeus eng verbundenen ältesten Gott der „Griechen“: Dionysos. Der hat sogar einen kleinen Pan-Knaben mitgebracht, der mit Zerberus spielt und Unfug treibt. [excerpt // speech by ALH]

Lecture and talk in Vienna (September 20th, 2016). Preview “Bleibende Steinzeit” (TUMULT. Schriften zur Verkehrswissenschaft). Together with Walter Seitter and René Luckhardt. Supported by Sonderzahl Verlag and Galerie Bernd Kugler.

Ad Katechon

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Ein Satz, geschrieben wohl im 1. Jahrhundert nach Christus, gerichtet an die christliche Gemeinde in Thessalonich (Saloniki), hat aufgrund seines anscheinend dunklen Sinns Anlass zu vielerlei Deutung gegeben. „Und nun wisset ihr, was [ihn] aufhält, bis er offenbar werde zu seiner Zeit.“ Während der erste Brief an die Gemeinde in Thessalonich ohne Zweifel von Paulus stammt und (50 n. Chr. verfasst) ältestes Schriftdokument des NT ist, ist der Verfasser des zweiten Briefes, in welchem sich unser Verweis auf den Aufhalter oder das Aufhaltende (kat-echon) findet, wohl eher nicht Paulus gewesen. Während der erste Brief noch von der Parusie (Wiederkunft Christi beim Jüngsten Gericht), also von Christierneuerter Gegenwart, zu Lebzeiten des Autors ausgeht, schiebt der zweite Brief diese bereits auf und warnt vor der Irreführung durch die stets wirksame Bosheit in der Welt. Erst wenn der Aufhalter/das Aufhaltende weggenommen sein wird, wird die Apokalypse anbrechen, das Böse endgültig überwunden und das Reich des Lichts anbrechen. Wir haben es also angesichts der Kandidaten, die für die Rolle des Aufhalters / des Aufhaltenden im Laufe der Zeit vorgesprochen haben (Rom, das Reich, der Kaiser, der Papst, das Archiv, das Museum, der Fürst dieser Welt, der Bunker u.v.a.m.), genau genommen mit einer zur Hälfte antichristlichen und sehr diesseitigen Funktion zu tun:Aufhaltung der Bewegung, welche die Welt der Vollendung zuführt, das heißt der endgültigen Verklärung oder Verlichtung. Der kat-echonist deshalb nicht allein Aufhalter/Aufhaltendes der Apokalypse, sondern indem er/es diese aufhält, auch der Aufhalter des Reiches Gottes, des Lichtreiches, das jener folgt.

Nun haben sich mit dieser Stelle über die Zeiten hinweg vielerlei Personen beschäftigt. Tertullian, Johannes Chrysostomus, Eusebius von Caesarea, Otto von Freising, Kardinal Newman, Erik Petersonoder Erich Przywara. Wirkungsmächtig im nunmehr auch schon wieder vergangenen Jahrhundert war es dann Carl Schmitt, der mittels des ihm eigenen Hangs zur Stilisierung und gemäß seiner These, dass alle politischen Begriffe säkularisierte theologische seien, dem kat-echon wieder zu Prominenz verhalf.

Bedenkt man nun aber etwa bloß die Dauer des Kaliyugas (in dem wir uns gerade befinden) von 432.000 menschlichen Jahren … und weiter, dass nach Ende dieses Zeitalters wieder das erste des Mahayugas (des großen Zeitalters) anbricht … und weiter, dass tausend Mahayugas das Kalpa (ein Tag und eine Nacht) des Brahma sind und dieser hundert Jahre lebt, dann mag man sich an seinen immer wieder neu geborenen Fingern abzählen, wann mit der Parusie zu rechnen ist. Für den gläubigen Christen mag dies hanebüchen sein, doch auch die katholischen Auslegungsversuche des kat-echon waren für die protestantische Theologie des 20. Jahrhunderts hanebüchen. Soviel nur zu Querelen im inner- und inter-religiösen Diskurs.

Doch man muss den oder das kat-echon keineswegs den Apokalyptikern von rechts und links überlassen und auch nicht den konstitutionellen Hegern von Reichen, Empires und Netzen oder den ent- oder begeisterten Usern, Agenten und Verwaltern der Tele-Technologien.

Als Beispiele mögen zwei hier genügen. Die neuartige Auseinandersetzung mit dem Begriff des Archivs auf der Ebene des Sonischen und mit der (Bewegung in der) Landschaft und ihrer Physik der Steine.

Instantaner Zugriff und permanente Veränderung von Datenmaterial erzeugt bislang erst vorahmend gedachte tempor(e)alities. Die „Erleuchtung zwischen Speicher und Prozessor“ schien lange aufgeschoben, doch nun wird durch optische Vorrichtungen, also durch Licht, Effizienz und Produktivität gesteigert. Der optische Computer wie auch der simulierte Quantenrechner erhöht die Speicherkapazität in nachgerade gewaltigem Ausmaß. Nachdem die „Eisenzeit“ (Leiterbahnen aus Metall) endgültig zu Ende ist, bleibt bloß noch das mit Licht getunte Silizium Stein im Schuh avancierter Einbildungskraft. Die mancherorts begeistert vorangetriebene Akzeleration der Aufklärung (Verlichtung als Apokalypse) verspricht – fug-, naht- und schattenlos – die totale Gleichzeitigkeit. Dies betreibt – ob bewusst oder unbewusst mag dahingestellt bleibt – auch die Austreibung der Stimmen und des Geraunes, das sich durch die Ritzen und Fugen des alten Mauerwerks vorstellig macht. Wenn das Wort Glück von Lücke herstammt (so wie das Wort gap vom altnordischen gappa, der Öffnung im gebauten Schutzwall, auch Kriegsglück versprechen kann), dann wird dieses hier exterminiert und exorziert. Aus der Fuge soll nicht länger das vormals Abgeschiedene und Vergangene sich versprechen, man lauscht nicht mehr auf die sich mühselig durchringende Artikulation des anderen (schließlich verspricht und verheißt diese nicht nur Gutes, sondern ist zuweilen auch bedrohlich, traumatisch, unheimlich und abstoßend), sondern im gleißenden Licht soll sich der Bruch für immer schließen. Kein fade out oder Abschwächung durch Aufnahme und Überspielung (Durcharbeitung), sondern Auslöschung durch oligoptische Erleuchtung.

Und hier setzen ganz abseits vom krypto-katholischen Kontext andere Versuche ein. „Archival resistance against change is a virtue in the time of networked documents which dissolve into memory-buffered streaming data.“ (Wolfgang Ernst) Andere Formen der Wahrnehmung von Landschaft, Insistenz, Ausfall und der Umgang mit ihnen sind gegen das Annihilieren der Materialität ins Feld zu führen. Peter Handke in seiner Übersetzung eines Gedichts von René Char: „Mit euren Vorgängern war ich immer in Gefahr, zu hetzen. Ihr jetzt aber seid die richtigen, weil ich in euch spürbar die Erde stampfe, und vor allem, weil ihr mir als die nötigen Hemmschuhe dient. Ihr wißt ja, die einzige Erleuchtung, die ich bisher hatte, ist die Langsamkeit.“ Gehen, Sehen, Sagen, Halten, nicht Überstürzen. Und andererseits ein Stromausfall und der Sex und die Geschlechter und die Generationen und die Steine und ein Stern und die Tiere und gutes Schuhwerk … Allesamt Aufhalter der Vollendung, des Abschlusses, des Licht-Endes.

Ob es auch eine Katechonin geben kann oder gegeben hat wissen wir nicht. Doch dassdas Weibliche – das sich mitnichten auf die Frau beschränkt – sich des ungeschickten Zugriffs entzieht ist keine dunkle Andeutung, sondern fröhliche Wissenschaft.

Den Tatmenschen, die immer gerne auf Ganze gehen (kat-holos), sei jedoch ins altmodische Stammbuch geschrieben: „Wer den Antichrist will erschlagen, ist des Antichrists Thier, darauf er reitet, er wird nur mächtiger im Zanke.“ (Jakob Böhme, De triplici vita hominis, 1620)

Weiterführende Literatur:

Jane Bennett, Vibrant Matter: A Political Ecology of Things, Durham 2011.

—, Vibrant Matter – Zero Landscape, Interview mit Klaus K. Loenhart in: GAM Graz Architektur Magazin (7/2011)

Wolfgang Ernst, Chronopoetics of Techno-Archival Memory, in: Dis-Continuity (CTM.15 / 2014), S. 44-49.

KATECHONTEN. Den Untergang aufhalten. Tumult (Schriften zur Verkehrswissenschaft) Bd. 25, Berlin/Wien 2001.

Walter Seitter im Gespräch mit Rudolf Maresch, Die Unentrinnbarkeit des Politischen, online verfügbar.

Picture by Alastair (aka Hans-Henning von Voigt)

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